Ghom aus Korkwolle auf Seidenkette

Was ist Korkwolle wirklich? Iranica sagt Ziegenflaum, der Handel sagt Lammwolle. Bauweise, Dichte und Bedeutung des Woll-Ghom auf Seide.

Carpet

The Metropolitan Museum of Art, 10.61.1 · CC0

Stand: November 2026 · Quellen verlinkt

Auf einen Blick

  • Neben dem reinen Seidenteppich bietet der Handel Ghom-Teppiche mit Wollflor auf Seidenfundament an, meist als „Kork-Ghom“ bezeichnet.
  • Über die Bedeutung von „Kork“ streiten die Quellen: Encyclopaedia Iranica beschreibt kork als Flaum-Unterwolle von Ziegen aus Kerman, Händler als Wolle vom Hals junger Schafe.
  • Iranica belegt, dass kork historisch auch für feine Teppiche verwendet wurde. Ein Iranica-Beleg speziell für Ghom fehlt.
  • Händler nennen für Kork-Ghom 300 bis 600 Knoten pro Quadratzoll, also etwa 465.000 bis 930.000 Knoten pro m².
  • Eine Studie in Goljaam nennt als Leitprodukt der Provinz Ghom 2006/07 einen 65-Raj-Teppich mit Seidenkette und Flor aus Seide und Kork. Persische Quellen beschreiben zuerst Wolle, dann Seide.

Nicht jeder Ghom (Qom, Qum, Kum; persisch قم) ist ganz aus Seide. Ein zweiter Typ kombiniert ein Fundament aus Seide mit einem Flor aus feiner Wolle. Der Handel nennt ihn „Kork-Ghom“, „Kurk“ oder „Kourk“. Das Wort klingt nach einem festen Fachbegriff. Bei näherem Hinsehen bedeutet es in verschiedenen Quellen verschiedene Dinge. Dieser Beitrag klärt, was belegt ist, und wo Handelsprosa und Wissenschaft auseinandergehen.

Was der Handel unter Kork-Ghom versteht

Rugs.net beschreibt den Kork-Qum als Teppich auf Seidenfundament mit Flor aus Korkwolle. Die Knotendichte liege typisch bei 300 bis 600 Knoten pro Quadratzoll (rugs.net, Händlerangabe). Ein australischer Händler führt einen „Persian Qum Kourk“ als Läufer von 3,23 × 0,83 m, nennt aber weder Fundament noch Dichte (PCG Australia, Händlerangabe).

MerkmalKork-Ghom (laut Handel)Reiner Seiden-Ghom
KetteSeideSeide
SchussSeideSeide
Florfeine Wolle („Kork“)Seide
FransenSeideSeide
Dichte (Händlerangabe, KPSI)300–600400 bis über 1.000
Dichte umgerechnet, Knoten/m²ca. 465.000–930.000ca. 620.000 bis über 1,5 Mio.

Die Umrechnung folgt der Formel 1 Quadratzoll = 6,4516 cm². Einzelheiten stehen im Beitrag zur Knotendichte bei Ghom-Teppichen.

Video aus dem YouTube-Kanal von Hassan Farahani (Teppichbazar) Beim Abspielen wird das Video von YouTube (Google) geladen; dabei werden Daten an Google übertragen.

Warum Wolle auf Seide?

Die Kombination hat technische Gründe, die sich aus belegten Materialeigenschaften ableiten lassen. Die Wikipedia zum Perserteppich nennt Seidenketten wegen ihrer Zugfestigkeit (Wikipedia: Persian carpet). Ein feiner Kettfaden erlaubt eine dichte Knüpfung. Der Wollflor ist dagegen belastbarer als Seide. Dieselbe Quelle nennt reine Seidenflore weniger widerstandsfähig gegen mechanische Belastung. Ein Woll-Ghom auf Seide verbindet also feine Zeichnung mit einem Flor, der eher für den Boden taugt. Diese Abwägung ist eine Schlussfolgerung aus den Materialeigenschaften. Eine Quelle, die sie für Ghom ausdrücklich formuliert, fand sich nicht.

Eine verwandte Bauweise kennen Sie vielleicht aus Nain und Isfahan. Die englische Wikipedia beschreibt Isfahan-Teppiche mit Seiden- oder Baumwollfundament und einem Flor aus hochwertiger Wolle, die im Iran „Korkwolle“ heiße (Wikipedia: Isfahan rug). Diese Angabe stützt sich allerdings auf eine Händlerseite. Den Vergleich der Städte vertieft der Beitrag Ghom, Kaschan, Nain oder Isfahan?.

Was ist Kork? Drei Antworten

Die Antwort der Encyclopaedia Iranica

Iranica widmet dem Wort kork einen eigenen Artikel. Der Historiker Rudi Matthee beschreibt kork als weiche Wolle, auch „Kerman-Wolle“ genannt (Iranica: Kork). Gemeint ist der Flaum der Unterwolle von Ziegen, die ihn gegen die Winter in den Bergen bilden. Geschoren wird im Frühjahr. Die Tiere seien Rayen-Ziegen aus der Region Kerman. Aus dieser Faser seien ursprünglich die Kaschmirschals gewebt worden. Rot galt als beste und teuerste Farbe.

Matthee belegt auch Teppiche. Die feinsten Teppiche seien ebenfalls mit kork gemacht worden. Er zitiert dafür einen britischen Bericht von Preece aus dem Jahr 1894. Im 20. Jahrhundert seien viele Hersteller von Schals auf Teppiche umgestiegen.

Die Antwort des Handels

Händler beschreiben Korkwolle durchweg als Schafwolle. Rugs.net nennt sie die weichste und feinste Wolle im Iran, geschoren von jungen Schafen in bestimmten Hochlandregionen. PCG Australia nennt Wolle vom Hals- und Kehlbereich der Schafe (PCG Australia). Bizsan beschreibt hochwertige Wolle vom Hals von Lämmern (bizsan.hu). Alle drei Angaben sind Händlerangaben ohne Beleg.

Was die Fachliteratur über feine Teppichwolle sagt

Der Iranica-Teil über Rohstoffe verwendet das Wort kork nicht (Iranica, Carpets ii). Er beschreibt aber regionale Wollqualitäten. Chorasan-Wolle sei besonders fein. Kerman-Wolle sei kürzer, federnder und glänzend. Wolle aus Maku, gemischt mit Lammwolle (quzem), ergebe sehr hochwertiges Garn für feine Teppiche. Lammwolle ist laut Wikipedia Wolle der ersten Schur, mit etwa sieben Monaten (Wikipedia: Lambswool).

Die Quellen sind sich nicht einig

Iranica beschreibt kork als Flaum-Unterwolle von Ziegen aus Kerman (Iranica: Kork). Händler beschreiben Korkwolle als Schafwolle, vom Hals oder von jungen Tieren (rugs.net; PCG Australia; bizsan.hu). Die Verwechslung ist alt: Laut Matthee beschrieb Tavernier kork schon 1647 in Isfahan als Schafwolle, und andere übernahmen das. Für Sie heißt das: „Kork“ auf einem Etikett ist ein Qualitätsversprechen des Handels, keine überprüfbare Faserbezeichnung. Ob ein Flor Schaf- oder Ziegenhaar enthält, lässt sich nur im Labor klären.

Kork am Anfang der Ghom-Knüpferei?

Bizsan behauptet, die ersten Werkstätten in Ghom hätten Korkwolle verwendet und seien erst später zur reinen Seide übergegangen (bizsan.hu, Händlerangabe). Rugman schildert es anders: Seide sei zunächst als Akzent eingesetzt worden und habe dann zugenommen (rugman.com, Händlerangabe).

Persische Quellen stützen die Richtung dieser Angaben. Ein Firmenporträt auf dem Teppichportal Carpetour schreibt, die Zuwanderer aus Kaschan hätten jahrelang Wolle und in manchen Fällen Kork verwendet (carpetour.net, Angabe der Firma). Seide sei erst ab etwa den 1940er-Jahren allmählich hinzugekommen. Der Meister Mohammad Jamshidi erinnerte sich 2022, um 1961 hätten alle Wolle geknüpft; Seide sei nicht üblich gewesen (Hawzah News, Oral History). Kork nennt er dabei nicht.

Ein wissenschaftlicher Beleg kommt aus späterer Zeit. Eine Studie in der Fachzeitschrift Goljaam nennt für 2006/07 als Leitprodukt der Provinz für Herstellung und Export einen Teppich mit 65 Raj, Seidenkette und einem Flor aus Seide und Kork (chelleh abrishami, gol abrisham kork) (Goljaam). Die Studie bewertet seine Exportwettbewerbsfähigkeit mit einem Index von 0,93 als gut. Kork auf Seide war also kein Nebenprodukt, sondern ein Kern der Ghomer Produktion. 65 Raj entsprechen nach der 7-cm-Definition rund 860.000 Knoten pro m², bei gleicher Dichte in beiden Richtungen.

Floors Zensuszahlen für die Region Ghom von 1948 bis 1966 nennen kein Material (Iranica, Carpets xii). Dass Ghom mit Wolle begann, ist daher eine Schlussfolgerung aus persischer Überlieferung, kein dokumentierter Befund. Den Forschungsstand zur Frühzeit fasst der Beitrag Ghom-Teppiche: Geschichte und Herkunft zusammen.

Kork-Ghom und reiner Seiden-Ghom unterscheiden

Die Fransen helfen hier nicht weiter. Sie sind bei beiden Typen aus Seide, weil beide auf Seidenkette geknüpft sind. Der Unterschied liegt allein im Flor.

Sicher wird die Bestimmung erst mit einer Faserprobe. Das Canadian Conservation Institute beschreibt den Unterschied unter dem Mikroskop. Wolle hat eine raue Oberfläche aus überlappenden Schuppen. Kultivierte Seide erscheint als glatter, zylindrischer Stab (CCI Notes 13/18). Die Brennprobe unterscheidet vor allem Seide von Zellulosefasern wie Baumwolle: Seide riecht nach verbranntem Haar, Zellulose nach Papier. Das Institut empfiehlt, jede Brennprobe mikroskopisch zu bestätigen. Wie man Imitate erkennt, erklärt der Beitrag Falsche Ghom-Seide erkennen.

Kork-Ghom am Auktionsmarkt

In den für diesen Beitrag geprüften Auktionslosen von Dorotheum, Chiswick, Bonhams und Nagel waren alle Ghom-Teppiche als Seide beschrieben (Dorotheum, 2016; Chiswick, 2026; Bonhams, 2025). Ein Auktionslos mit ausdrücklich als „Kork“ bezeichnetem Ghom fand sich in dieser Stichprobe nicht. Eine Preisangabe zu Kork-Ghom ist daher hier nicht möglich.

Zustand und Pflege

Für den Wollflor gelten andere Regeln als für Seide. Wolle ist robuster. Das Seidenfundament bleibt aber empfindlich. Christie’s warnt, dass Seide nach falscher Trocknung spröde wird und reißt (Christie’s Collecting Guide). Das betrifft beim Kork-Ghom Kette und Fransen. Eine Wäsche sollte deshalb so behandelt werden wie bei einem reinen Seidenteppich. Die Grundlagen dazu stehen im Beitrag Seidenteppiche richtig pflegen.

Verwandte Themen

Quellen