Stand: November 2026 · Quellen verlinkt
Auf einen Blick
- Alle geprüften Quellen beschreiben Ghom als Knüpfzentrum des 20. Jahrhunderts. Ein wissenschaftlich belegtes Gründungsjahr gibt es nicht.
- Die einzigen wissenschaftlichen Zahlen stammen aus der Encyclopaedia Iranica: elf Knüpfdörfer 1948, rund 5.000 Beschäftigte 1966.
- Persische Publikumsquellen und eine Oral-History-Sitzung von 2022 nennen Zuwanderer aus Kaschan (und Isfahan) seit den späten 1910er- bis 1920er-Jahren.
- Als Gründerfiguren werden Haj Mahmoud Erami (حاج محمود ارمی) und Ous Gholamhossein Arsalani genannt. Beide Angaben sind nicht wissenschaftlich geprüft.
- Persische Quellen beschreiben zuerst Woll- und erst später Seidenteppiche. Der Übergang lag nach ihnen etwa zwischen den 1940er- und 1970er-Jahren.
Ghom (Qom, Qum, Kum; persisch قم) liegt rund 147 Kilometer südlich von Teheran und ist vor allem als schiitische Pilgerstadt bekannt (Britannica). Im Teppichhandel steht der Name für feine Seidenteppiche. Wie diese Tradition entstand, ist schlecht dokumentiert. Die westliche Fachliteratur liefert wenige, aber harte Zahlen. Persische Quellen ergänzen Namen und Erinnerungen, allerdings ohne wissenschaftliche Prüfung. Dieser Beitrag trennt beides und zeigt, wo die Lücken liegen.
Überblick
Die Encyclopaedia Iranica behandelt Ghom nicht in einem eigenen Teppichartikel. Der Teil zur Pahlavi-Zeit von Willem Floor stützt sich für Ghom auf die Feldforschung des französischen Geographen Marcel Bazin (Iranica, Carpets xii). Der Teil über Rohstoffe nennt Kaschan, Nain und Ghom als Orte reiner Seidenteppiche (Iranica, Carpets ii).
Die englische Wikipedia nennt die Knüpferei in Ghom erst seit etwa hundert Jahren ein bedeutendes Gewerbe (Wikipedia: Qom rug). Die persische Wikipedia sagt dasselbe: Teppiche würden dort seit rund hundert Jahren hergestellt, bekannt vor allem aus Seide (fa.wikipedia: Qali-ye Qom). Wolle sei früher nur in geringem Umfang und ohne eigenes Muster geknüpft worden. Beide Artikel sind kurz. Die persische Fassung belegt sich nur mit toten Links auf ein Teppichportal.
Beispiele im Handel: Ghom-Seidenteppiche bei Teppichbazar (eigener Shop)
Ein älterer Faden: die Seidenteppiche im Mausoleum Schah Abbas’ II.
Lange vor der modernen Produktion lagen in Ghom bedeutende Seidenteppiche. Im Mausoleum des Safawidenherrschers Schah Abbas II. (gestorben 1666) befand sich ein ganzes Ensemble. Britannica nennt diese Stücke die letzten wirklich feinen Leistungen persischer Knüpfkunst (Britannica: Rug and carpet – Persia).
Das Victoria and Albert Museum besitzt einen der kleineren Teppiche dieser Gruppe. Laut Museum gehörte er zu zwölf fast identischen Stücken, die die Wände des zwölfeckigen Grabraums säumten (V&A, T.438-1976). Mehrere Stücke wurden 1931 auf der Persischen Kunstausstellung in London gezeigt.
| Merkmal | Angabe (V&A) |
|---|---|
| Datierung | 1671–1672 (1082 H.) |
| Ort | Iran, Ghom |
| Kette | Seide, weiß |
| Schuss | Seide, hellgelb |
| Flor | Seide, geknüpft |
| Knotendichte | nicht angegeben |
| Maße | max. ca. 133 × 69 cm (52,5 × 27 in) |
| Muster | asymmetrische Pflanzen und Bäume auf blassgrünem Grund, gelbe Kartuschenbordüre |
| Inschrift | auf einem der zwölf Teppiche: Werk des Meisters Nimatullah Jawshaqani, Jahr 1082 H. |
| Sammlung | Victoria and Albert Museum, London, Inv.-Nr. T.438-1976 |
Der große zwölfeckige Mittelteppich befindet sich laut einer Studie von 2023 im Museum des Hazrat-Masumeh-Schreins in Ghom (Iranian Journal for the History of Islamic Civilization). Wichtig für die Einordnung: Diese Teppiche beweisen nicht, dass Ghom im 17. Jahrhundert ein Knüpfort war. Der Beiname des Meisters verweist auf Joschaqan. Ob die Stücke in Ghom geknüpft oder dorthin geliefert wurden, bleibt offen.
Die Quellen sind sich nicht einig
Datum und Zahl der Grabteppiche werden unterschiedlich angegeben. Britannica (Stadtartikel) spricht von 14 Seidenteppichen, datiert 1666 (Britannica: Qom). Daniel Walker datiert in Iranica einen Seidenteppich auf 1081/1671 (Carpets ix). Annette Ittig nennt 1082/1662 (Carpets iv). Das V&A gibt 1082 H. = 1671–1672 und zwölf Wandteppiche an. Die Angabe 1662 ist daher vermutlich ein Umrechnungsfehler. 1666 ist das Todesjahr des Schahs, nicht unbedingt das Webdatum.
Die Lücke: 18. und 19. Jahrhundert
Zwischen den Safawiden-Teppichen und dem 20. Jahrhundert findet sich in den geprüften Quellen keine Spur einer Knüpferei in Ghom. Der Iranica-Teil zur Kadscharenzeit nennt Ghom nicht (Carpets xi). Der Iranica-Artikel über die Stadt erwähnt weder Teppiche noch Seide (Iranica: Qom). Das Schweigen der Quellen beweist nicht, dass in Ghom nicht geknüpft wurde. Es zeigt nur, dass es keine Belege gibt.
Das 20. Jahrhundert: was die Zahlen zeigen
Floors Angaben beruhen auf Bazins Studie „Le travail du tapis dans la région de Qom“ (1973). Sie beschreiben die ländliche Region um Ghom, nicht ausdrücklich städtische Seidenwerkstätten (Iranica, Carpets xii).
| Jahr | Befund | Quelle |
|---|---|---|
| 1948 (1327 Š.) | nur elf Dörfer im Raum Ghom knüpfen Teppiche | Floor nach Bazin |
| 1956 (1335 Š.) | Zensus: 730 Personen in der Teppichherstellung | Floor nach Bazin |
| 1966 (1345 Š.) | Zensus: 3.671 von 10.036 Haushalten (36 %), rund 5.000 Beschäftigte, überwiegend Frauen und Mädchen | Floor nach Bazin |
| 1969 (1348 Š.) | Teppichertrag 1.000–1.500 Toman, 20–40 % des Familieneinkommens | Floor nach Bazin |
| 1970er | Ghom zählt neben Kerman, Täbris, Kaschan und Nain zu den großen Teppichregionen | Floor |
Floor beschreibt auch die Organisation. Die Stadtverwaltung lieferte Material und Entwürfe. Etwa 30 Prozent der Knüpferinnen arbeiteten selbständig. Eine Zählung von Dorfhaushalten erfasst wenige Meisterwerkstätten in der Stadt kaum. Diese Lesart ist eine Schlussfolgerung, keine Quellenaussage.
Wann begann die Knüpferei?
Westliche Händler nennen Daten zwischen 1910 und 1940. Persische Quellen rücken den Beginn eher an den Anfang dieser Spanne. Wissenschaftlich belegt ist keine dieser Angaben.
Die Quellen sind sich nicht einig
Frühe 1930er-Jahre: rugs.net und persianrugs.com.au (rugs.net; persianrugs.com.au, beide Händlerangabe). Kaschaner Werkstätten um 1920: Rugman (rugman.com, Händlerangabe). Aufschwung ab den frühen 1300er-Jahren der Sonnenhidschra, also ab etwa 1921: das Publikumsportal Beytoote (beytoote.com). „Mehr als ein Jahrhundert“: der Vorsitzende des Verbands der Teppichhersteller der Provinz Ghom, Sadeghi, 2022 (Hawzah News). „Etwa hundert Jahre“: die persische Wikipedia. Iranica nennt kein Anfangsdatum. Ein wissenschaftliches Gründungsdatum gibt es damit weiterhin nicht. Gesichert ist nur: Ghom wurde im 20. Jahrhundert ein bedeutendes Knüpfzentrum.
Kaschan als Lehrmeister: was persische Quellen ergänzen
Westliche Händlertexte verbinden den Aufstieg Ghoms fast immer mit Kaschan, etwa mit Kaufleuten, die die ersten Webstühle brachten (shahmansouri.com, Händlerangabe). Diese Erzählung stammt nicht mehr nur aus dem Handel. Drei persische Quellen berichten Ähnliches. Ob sie voneinander abhängen, ist nicht erkennbar.
Beytoote, ein Publikumsportal ohne Belege, nennt Zuwanderer aus Kaschan und Isfahan. Einer von ihnen sei Haj Mahmoud Erami gewesen, persisch حاج محمود ارمی. Er kam als Kind mit seiner Familie aus Kaschan, begann beim Aufziehen der Kette (chelleh-davani) und gründete Werkstätten in den Dörfern um Ghom (beytoote.com).
Carpetour, ein iranisches Teppich-Informationsportal, nennt in einem Firmenporträt der Familie Erami genauere Daten (carpetour.net, Nr. 1228). Danach wurde Haj Mahmoud Erami 1292 der Sonnenhidschra (1913/14) in Kaschan geboren. Mit zehn Jahren kam er mit einem Onkel nach Ghom. Mit zwanzig gehörte er zu den besten Kettenaufziehern der Stadt. Er habe als Erster das Knüpfen in Dörfern um Ghom verbreitet, etwa in Chaladschestan und Dastjerd. Er starb 1365 (1986/87) mit 73 Jahren. Dasselbe Porträt nennt Zuwanderer aus Kaschan, Arak, Isfahan und Kerman. Fast alle namhaften Ghomer Meister hätten Kaschaner Wurzeln. Das sind Angaben der Familie, keine geprüften Daten.
Die Oral-History-Sitzung des Ghom-Studien-Instituts (Bonyad-e Qom-pazhuhi) vom Oktober 2022 ist die dichteste Quelle (Hawzah News). Der Meister Mohammad Jamshidi berichtet dort, sein Vater stamme aus Kaschan. Ein zweiter Zeitzeuge, Mohammad Rezvani, nennt einen anderen Gründer. Mehr zu den Namen steht im Register der Ghom-Werkstätten.
Die Quellen sind sich nicht einig
Wer war der „Vater“ der Ghomer Knüpferei? Beytoote und das Firmenporträt bei Carpetour stellen Haj Mahmoud Erami als frühen Zuwanderer und ersten Förderer der Dorfknüpferei dar (beytoote.com; carpetour.net). Rezvani nennt in der Oral-History-Sitzung Ous Gholamhossein Arsalani „einen der Ersten“ und „Vater des Ghom-Teppichs“ (Hawzah News). Ous ist die Kurzform von ostad, Meister. Beide Angaben beruhen auf Erinnerung und Familienüberlieferung. Sie schließen sich nicht aus, denn beide Männer könnten zur ersten Generation gehört haben. Ein Dokument, das eine der Angaben bestätigt, fand sich nicht.
Von der Wolle zur Seide
Die persischen Quellen zeichnen eine Abfolge, die westliche Texte so nicht kennen: zuerst Wolle, dann Seide.
- Mohammad Jamshidi, geboren 1326 (1947/48), begann mit 14 Jahren, also um 1961. Damals hätten alle Wollteppiche geknüpft; Seide sei nicht üblich gewesen. Nur ein Herr Rajabian habe schon gute Seidenteppiche geknüpft (Hawzah News).
- Carpetour schreibt, die Zuwanderer hätten jahrelang Wolle und teils Kork verwendet. In der dritten Dekade des 14. Jahrhunderts der Sonnenhidschra, also etwa in den 1940er-Jahren, sei allmählich Seide hinzugekommen (carpetour.net).
- Hossein Erami, geboren 1325 (1946/47), habe laut demselben Porträt ab etwa 25 Jahren Ganzseidenteppiche hergestellt, also um 1971/72.
- Eine Studie in der Fachzeitschrift Goljaam nennt 2007 als Leitprodukt der Provinz einen Teppich mit 65 Raj, Seidenkette und einem Flor aus Seide und Kork (Goljaam).
Daraus folgt eine Schlussfolgerung, keine Quellenaussage: Ghom knüpfte zuerst Wolle, und Seide setzte sich zwischen den 1940er- und 1970er-Jahren durch. Die frühere Datierung bei Carpetour und Jamshidis Erinnerung widersprechen sich nicht zwingend. Einzelne Werkstätten könnten früh Seide verwendet haben, bevor sie allgemein üblich wurde. Westliche Händler beschreiben einen ähnlichen Weg über Korkwolle (bizsan.hu, Händlerangabe). Mehr dazu in den Beiträgen Ghom-Seide und Korkwolle auf Seidenkette.
Ein spätes Zeugnis: das Staatsgeschenk von 2019
Im Juni 2019 besuchte der japanische Premierminister Shinzō Abe Teheran (Dawn). Er erhielt einen Seidenteppich aus Ghom. Laut Wikipedia misst er 205 × 205 cm und hat mehr als vier Millionen Knoten. Er entstand in der Werkstatt von Hossein Erami (Wikipedia: Qom rug). Beytoote nennt Präsident Rouhani als Schenkenden. Carpetour nennt die iranische Handelskammer und beschreibt einen lapisblauen Grund mit Goldornament (carpetour.net, Nr. 1171). Beide Angaben passen zu einer Übergabe während desselben Besuchs. Die Familie des frühen Zuwanderers Erami lieferte damit knapp hundert Jahre nach seiner Ankunft ein Staatsgeschenk.
Ghom im Museum und am Markt
In den geprüften Museumssammlungen fand sich kein moderner Ghom-Teppich mit eigener Objektseite. Am europäischen Auktionsmarkt ist moderner Ghom dagegen gut sichtbar. Das Dorotheum in Wien versteigerte im März 2016 einen signierten Ghom von ca. 400 × 297 cm für 17.401 Euro inklusive Aufgeld und Steuer (Dorotheum). Chiswick in London verkaufte im Januar 2026 einen signierten Seiden-Qum von ca. 345 × 243 cm für 5.796 Pfund inklusive Aufgeld (Chiswick Auctions).
Laut Japan Times fielen die iranischen Teppichexporte von über zwei Milliarden Dollar in den frühen 1990er-Jahren auf rund 40 Millionen (Japan Times). Zahlen speziell für Ghom fanden sich in keiner überprüfbaren Quelle.
Was offen bleibt
Drei Fragen kann derzeit keine wissenschaftliche Quelle beantworten. Erstens: Wer gründete die ersten Werkstätten, und wann genau? Die persischen Namen Erami und Arsalani sind Spuren, keine Belege. Zweitens: Wann setzte sich der reine Seidenteppich durch? Drittens: Wie viele Knüpferinnen arbeiten heute in der Provinz? Die nächsten Schritte wären Bazins Studie von 1973, persische Archive und weitere Oral History. Bis dahin gilt: Was nicht belegt ist, steht hier mit seiner Quelle oder gar nicht.
Verwandte Themen
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- Kaschan-Teppiche: von den Safawiden bis Mohtasham
Quellen
- Carpets xii. Pahlavi Period (Willem M. Floor) – Encyclopaedia Iranica
- Carpets ii. Raw materials and dyes (Jasleen Dhamija) – Encyclopaedia Iranica
- Carpets ix. Safavid Period (Daniel Walker) – Encyclopaedia Iranica
- Carpets iv. Designs, motifs and patterns (Annette Ittig) – Encyclopaedia Iranica
- Carpets xi. Qajar Period (Annette Ittig) – Encyclopaedia Iranica
- Qom (Andreas Drechsler) – Encyclopaedia Iranica
- Rug and carpet: Persia – Britannica
- Qom – Britannica
- Carpet, T.438-1976 – Victoria and Albert Museum
- The Dodecagon Carpet of the Tomb of Shah Abbas II: A Structural Study – Iranian Journal for the History of Islamic Civilization
- Najarzadeh, Rezagholizadeh, Hosseini: Trade liberalisation and Iran’s handwoven carpet industry, case study Qom province – Goljaam 3 (8), 1386/2007–08
- Oral History: die Rolle der Familie Jamshidi im Ghom-Teppich, 442. Sitzung des Bonyad-e Qom-pazhuhi, 20.10.2022 – Hawzah News (Oral History, eigene Aussagen der Beteiligten)
- Qom rug – Wikipedia
- Qali-ye Qom – Wikipedia (persisch)
- Japanese PM meets Rouhani – Dawn
- Iran carpet industry and sanctions – The Japan Times
- Lot: Ghom silk, 23.03.2016 – Dorotheum
- Lot 76: Signed silk Qum carpet, 27.01.2026 – Chiswick Auctions
- Haj Hossein Erami, Gründer der Marke Farsh-e Abrisham-e Hossein Erami, 21.07.2023 – carpetour.net (Branchenportal; Firmenporträt mit Angaben der Familie)
- Gesprächsabend zur Ghomer Knüpfschule mit Mohammad Erami, 13.04.2023 – carpetour.net (Branchenportal)
- Ashnaei ba farsh-e Qom – Beytoote (iranisches Publikumsportal, ohne Belege)
- Qum Rugs: The Complete Guide – rugs.net (Händlerangabe)
- Qum – persianrugs.com.au (Händlerangabe)
- Qom (Ghom) handmade silk rugs of Iran – Bizsan (Händlerangabe)
- Qum rugs – Rugman (Händlerangabe)
- Qom Rugs – Shahmansouri (Händlerangabe)
![[View of Koum] (Luigi Pesce, albumen silver print)](https://ghomrug.com/wp-content/uploads/2026/11/cover-018-1977-683-49.jpg)