Erami: die Seidenteppich-Werkstatt aus Ghom

Erami aus Ghom: Werkstattpraxis, Entwerfer und Knüpfer, Signatur und Herkunftsbescheinigung, dazu offengelegte Herstellerangaben aus dem Handel.

Erami Ghom silk carpet “Mosaic Golfarang”, 101 × 151 cm

Teppichbazar · Luxonaria GmbH

Stand: November 2026 · Quellen verlinkt

Auf einen Blick

  • Die Familie Erami (persisch ارمی) knüpft seit drei Generationen in Ghom; die Marke heißt heute „Hossein Erami“.
  • Laut Firmenporträt baute der Gründer ein Netz von Dorfwerkstätten um Ghom auf; sein Sohn verlegte Ganzseidenaufträge bis nach Täbris.
  • Wegen Fälschungen gibt die Firma eine eigene Herkunftsbescheinigung (shenasnameh) aus. Nur Stücke mit diesem Papier erkennt sie als ihre an.
  • 23 Händlerdatensätze nennen Entwerfer, Knüpfer, Raj und Arbeitsstunden. Die Stunden sind offenbar aus der Knotenzahl errechnet.
  • Unabhängige Auktionsbelege sind selten: Gefunden wurde ein Drouot-Los „signed (Erami)“ ohne Ergebnis.

Erami ist eine Ghomer Familienwerkstatt, deren Name im Handel mit Ghom-Seidenteppichen (Qom, Qum; persisch قم) als Marke geführt wird. Wer dahintersteht, erklärt das Register der Ghom-Werkstätten mit der Familiengeschichte. Dieser Beitrag geht einen Schritt weiter. Er fragt, wie die Werkstatt arbeitet, wer an den Stücken beteiligt ist und woran man eine echte Erami-Signatur erkennt. Grundlage sind ein Firmenporträt, eine Firmenmitteilung, ein Auktionslos und die Herstellerangaben, die der Handel veröffentlicht. Jede Angabe ist nach ihrer Herkunft gekennzeichnet.

Name und Familie in Kürze

Persisch schreibt sich der Name ارمی. Die Firma führt den Namen „Hossein Erami“; so steht es im Logo ihres Porträts auf dem Teppichportal Carpetour (carpetour.net, Nr. 1228, Angabe der Firma).

Laut Porträt kam Haj Mahmoud Erami, geboren 1292 (1913/14) in Kaschan, mit zehn Jahren nach Ghom. Er zog nach dem Tod der Mutter mit seinem Onkel mütterlicherseits, Haj Mohammad Kashani, dorthin. Sein Sohn Haj Hossein Erami, geboren 1325 (1946/47), führte das Geschäft weiter. Heute führen dessen Söhne Mohammad und Mehdi die Marke (carpetour.net, Nr. 1171). Ein Foto im Porträt zeigt auch ihren Bruder Mahmoud. Beytoote bestätigt die Herkunft aus Kaschan, ohne Daten (Beytoote).

Video aus dem YouTube-Kanal von Hassan Farahani (Teppichbazar) Beim Abspielen wird das Video von YouTube (Google) geladen; dabei werden Daten an Google übertragen.

Wie die Werkstatt arbeitet

Vom Kettenaufzieher zum Verleger

Haj Mahmoud begann laut Porträt als chelleh-davan, als Aufzieher der Kette auf den Knüpfstuhl. Drei bis vier Jahre lernte er dieses Handwerk. Mit zwanzig zählte er zu den besten Kettenaufziehern der Stadt. Danach brachte er die Knüpferei in Dörfer rund um Ghom. Das Porträt nennt unter anderem Chaladschestan mit dem Zentrum Dastjerd, Vashareh, Sarkhordeh, Giv, Tanavij, Fujerd und Sanavand (carpetour.net, Nr. 1228).

Wie solche Netze funktionierten, beschreibt Willem Floor in der Encyclopaedia Iranica. Auf dem Land organisierten Mittelsmänner wie der ostad-e kar (Werkmeister) die Knüpferei und lieferten das Material. Geknüpft wurde in Familien, bezahlt nach Stück (Iranica, Carpets xii). Für die Region Ghom nennt Floor nur elf knüpfende Dörfer im Jahr 1948. 1966 waren es rund 5.000 Beschäftigte, überwiegend Frauen und Mädchen. Einzelne Unternehmer nennt er nicht.

Ganzseide und große Formate

Haj Hossein lernte zehn Jahre beim Vater. Ab etwa 25 Jahren ließ er Ganzseidenteppiche knüpfen, nach dem Geburtsjahr also um 1971/72. Wegen der Nachfrage verlegte er Aufträge nach Saveh, Hamadan, Zandschan, Täbris und Bostanabad. Laut Porträt gehörte er zu den Ersten in Ghom, die Ganzseidenteppiche von 24 und 40 m² fertigten (carpetour.net, Nr. 1228). Das Porträt nennt außerdem Feinknüpfung über 100 Raj als Leistung der Marke.

Arbeitsteilung in der dritten Generation

Mehdi Erami, geboren 1361 (1982/83), arbeitet seit 1379 (2000/01) im Betrieb. Er verantwortet laut Porträt Entwurf und Farbgebung. Nach dem Tod des Vaters habe er traditionelle und moderne Entwürfe verbunden und so einen neuen Stil geschaffen. Mohammad Erami, geboren 1360 (1981/82), studierte Wirtschaftsingenieurwesen (mohandesi-ye sanaye). Seit 1383 (2004/05) führt er Verkauf und Kundendienst und vertritt die Marke auf Messen (carpetour.net, Nr. 1228).

Bekannt ist die Werkstatt auch durch ein Staatsgeschenk. Iran überreichte Japans Premierminister Shinzō Abe bei dessen Teheran-Besuch im Juni 2019 einen Seidenteppich von 205 × 205 cm (Wikipedia: Qom rug; Dawn). Wikipedia nennt die Werkstatt Hossein Erami als Herstellerin.

Erami-Stücke im Handel: was die Herstellerangaben nennen

Die folgenden Angaben sind Herstellerangaben über Teppichbazar. Teppichbazar gehört wie dieses Journal zur Luxonaria GmbH, und die Werkstatt Erami ist Handelspartner des Unternehmens. Die Zahlen wurden am 1. November 2026 aus den Produktbeschreibungen erhoben. Sie sind nicht unabhängig geprüft.

Gezählt wurden 23 Datensätze. Ein Paar wird zusätzlich einzeln angeboten, und zwei Angebote „Fiery Sky“ beschreiben vermutlich denselben Teppich. Ohne diese Doppelungen bleiben 21 Angebote, darunter zwei Paare. Ein Stück trägt die eingeknüpfte Signatur „Reza Erami“ und wird dessen Manufaktur zugeschrieben. Die übrigen nennen die Marke Hossein Erami oder Erami Carpet. Widersprüchliche Felder, etwa abweichende Material- oder Datierungsattribute, sind hier nicht ausgewertet.

MerkmalSpannweite laut Herstellerangabe
Format132 × 82 cm bis 398 × 395 cm (1,08 bis 15,72 m²)
FlorSeide in allen Angeboten
Knotendichte65,9 bis 73,45 Raj; zehn Angebote mit genau 70 Raj, um 1 Mio. Knoten/m²
Farbtöne17 bis 37 je Entwurf, sofern angegeben
Knüpfer je Stückzwei bis fünf
Fertigungszeit5–6 bis 43 Monate
Arbeitsstundenrund 1.700 bis 26.634

Quelle: Herstellerangaben über Teppichbazar, Datensätze 654652 bis 763898 (siehe Quellen).

70 Raj entsprechen bei einer Messlänge von 7 cm genau einer Million Knoten pro m² (Rechenweg in Raj, Gereh, KPSI). Die über 100 Raj aus dem Firmenporträt erreicht keines der erfassten Stücke.

Was die Stundenangaben bedeuten

Teilt man die Knotenzahl durch die angegebenen Arbeitsstunden, ergibt sich in sieben Datensätzen genau 625 Knoten pro Stunde. Beispiele sind „Simrokh“ (12.505.000 Knoten, 20.008 Stunden) und „Golfarang – Brown“ (6.553.600 Knoten, 10.486 Stunden). Die Stunden sind also offenbar aus der Knotenzahl errechnet, nicht gemessen. Als Größenordnung sind sie brauchbar, als Zeiterfassung nicht.

Die Menschen hinter den Stücken

Die Herstellerangaben nennen auch Namen. Als Entwerfer erscheinen Mahdi Erami (vier Angebote), Amir Garoosi (fünf Angebote) und Ali Fard (ein Paar). „Mahdi Erami“ ist sehr wahrscheinlich Mehdi Erami, der laut Porträt für Entwurf und Farbe zuständig ist. Eine Quelle, die „Mahdi“ und „Mehdi“ ausdrücklich derselben Person zuordnet, fand sich nicht.

Als Meisterknüpfer werden genannt:

Name laut HerstellerangabeEntwurfFormat
Hossein Haghighi„Fiery Sky“; einer von fünf Knüpfern bei „Seven Heavens“200 × 301 cm; 398 × 395 cm
Reza Sirati„Golfarang – Brown“242 × 246 cm
Frau Esmkhani„Golfarang – Tak Gardeh“212 × 210 cm; 207 × 134 cm
Herr Asadi„Gobelin – Black“286 × 196 cm
Moosa Ranjbar Alanagh„Versace – Green & Black“257 × 251 cm
Ali Kavoosi„Versace – Black“ (Paar)je 208 × 142 cm

Diese Namen stehen in der Beschreibung, nicht im Teppich. Die eingeknüpfte Signatur nennt das Haus, nicht die Knüpferin oder den Knüpfer (siehe Ghom-Signatur lesen).

Neben klassischen Schemata wie gol-farang (Rosenmuster nach europäischem Vorbild) und lachak-toranj (Eckstücke und Medaillon) stehen Kollektionsnamen wie „Seven Heavens“, „Gobelin“ oder „Fiery Sky“. Das passt zu der Verbindung von Tradition und Moderne, die das Porträt Mehdi Erami zuschreibt.

Erami außerhalb des eigenen Handels

Bei Drouot fand sich ein Seiden-Ghom „signed (Erami)“, ca. 200 × 133 cm, rund eine Million Knoten pro m², datiert „Ende 20. Jahrhundert“. Der Zustand wird mit „verfärbt“ angegeben. Auktionshaus, Datum und Ergebnis zeigt die Seite nicht (Drouot). In den durchsuchten Katalogen von Dorotheum, Nagel, Chiswick und Bonhams fand sich kein Los mit diesem Namen.

Ein Händler, Galerie Buter, bietet über Proantic einen Seiden-Ghom von 415 × 297 cm mit der Signatur „Mtre Erami“ in einer Kartusche an. Er datiert ihn auf 1960–70 und nennt Erami einen Meister einer kaiserlichen Werkstatt (Proantic, Händlerangabe). Belege für beides gibt die Anzeige nicht.

Für eine staatliche Ehrung gibt es dagegen einen Primärbeleg. Am 18. Ordibehescht 1401 (8. Mai 2022) würdigten das Nationale Teppichzentrum Irans und das Industrieministerium in Teheran neben elf herausragenden Persönlichkeiten 100 weitere Akteure der Knüpfkunst. Deren Liste beginnt mit „Reza Erami, Ghom“ (Iran Carpet Company). Die ersten Einträge folgen erkennbar dem persischen Alphabet. Platz 1 ist also kein Rang. Wie Reza Erami mit Hossein Eramis Linie verwandt ist, sagt die Liste nicht.

Die Quellen sind sich nicht einig

Wer war der Erste? Das Carpetour-Porträt nennt Haj Mahmoud Erami den ersten, der die Knüpferei in den Dörfern um Ghom förderte (carpetour.net, Nr. 1228). In der Oral-History-Sitzung von 2022 nannte Mohammad Rezvani dagegen Ous Gholamhossein Arsalani den „Vater des Ghom-Teppichs“ (Hawzah News). Beides ist Überlieferung. Wer schenkte Abe den Teppich? Wikipedia und Beytoote nennen Präsident Rouhani; dasselbe Carpetour-Porträt nennt einmal den Präsidenten und einmal die iranische Handelskammer. Wie alt können signierte Stücke sein? Galerie Buter datiert ein „Erami“ auf 1960–70. Das Firmenporträt setzt die Ganzseidenproduktion Hossein Eramis erst um 1971/72 an; für die Zeit davor nennt es keine Seidenteppiche der Familie. Eine Datierung in die 1960er bleibt daher eine unbelegte Händlerangabe.

Woran man die Signatur erkennt

Position und Schrift. Das Titelbild des Carpetour-Porträts zeigt ein Teppichende mit Fransen. Unmittelbar daneben steht eine Inschrift in weißer persischer Schrift auf blauem Grund. Nach Lesung der Redaktion beginnt sie mit „ایران قم“ (Iran, Ghom), es folgt der Familienname (carpetour.net, Nr. 1228).

Lateinische Formen. Kataloge und Händler geben die Signatur als „Erami“ wieder, so Drouot und Galerie Buter. Das Firmenlogo schreibt „Hossein Erami“. Die persische Form ارمی bleibt der sichere Vergleichspunkt.

Was die Händlerdaten nicht sagen. Die oben ausgewerteten Herstellerangaben beschreiben Wortlaut und Lage der Signatur nicht. Fragen Sie deshalb immer nach einem Foto der Kartusche, von vorn und von der Rückseite.

Die Herkunftsbescheinigung prüfen

Die Firma Hossein Erami veröffentlichte auf Carpetour eine Warnung an Käufer. Manche Anbieter versähen fremde Teppiche mit ihrem Namen und ihrer Marke. Deshalb gebe die Firma nun für ihre Stücke eine eigene Bescheinigung aus, die shenasnameh (wörtlich: Ausweis). Nur Käufe mit diesem Papier erkenne sie als echt an, nur sie fielen unter ihren Kundendienst. Gegen Missbrauch kündigte sie rechtliche Schritte an (carpetour.net, Nr. 1230, Firmenmitteilung).

Die Herstellerangaben über Teppichbazar sprechen von einem iranischen Echtheits- und Eigentumszertifikat mit Seriennummer, Produktionscode und „RugTrust-ID“. Konkrete Nummern nennen sie nicht. Was „RugTrust“ ist, konnte für diesen Beitrag nicht geprüft werden.

Eine kurze Prüfliste:

  • Papier und Teppich abgleichen. Maße, Raj und Entwurfsname auf der Bescheinigung müssen zum Stück passen.
  • Beim Hersteller rückfragen. Laut Firmenmitteilung bestätigt die Firma selbst, ob eine shenasnameh echt ist.
  • Signatur und Papier zusammen sehen. Eine eingeknüpfte Signatur allein belegt die Herkunft nicht; die Firma selbst warnt vor Nachahmungen.
  • Zahlen nachrechnen. Raj, Format und Knotenzahl müssen zueinander passen.

Eine zweite Ghomer Familie mit eigener Überlieferung stellt der Beitrag über Jamshidi vor.

Verwandte Themen

Quellen