Signierte Ghom-Teppiche: die Signaturkartusche lesen

Wo die Signatur eines Ghom-Teppichs sitzt, was sie nennt und was nicht: Beispiele aus Dorotheum, Chiswick, Nagel und dem V&A, ehrlich eingeordnet.

Carpet (silk, dated)

The Metropolitan Museum of Art, 57.5 · CC0

Stand: November 2026 · Quellen verlinkt

Auf einen Blick

  • Moderne Ghom-Seidenteppiche tragen oft eine eingeknüpfte Signatur, meist in einer kleinen Kartusche an einem Ende oder in der Bordüre.
  • Typisch ist die Verbindung von Ortsname und Werkstatt- oder Familienname, etwa „Ghom Iran Amiri“ (Dorotheum 2016) oder „ایران قم ارمی“ (Iran, Ghom, Erami).
  • Die Signatur nennt in der Regel eine Werkstatt, nicht die Knüpferin. Wer tatsächlich geknüpft hat, verrät sie nicht.
  • Signaturen in Teppichen sind alt: Ein Ghomer Grabteppich trägt laut V&A die Inschrift des Meisters Nimatullah Jawshaqani, datiert 1082 H. (1671/72).
  • Keine geprüfte Quelle beziffert, wie viel eine Signatur den Wert eines Ghom-Teppichs erhöht.

Wer einen Ghom-Seidenteppich (Qom, Qum, Kum; persisch قم) umdreht oder an seinen Enden entlangsieht, findet oft eine kleine eingeknüpfte Schrift. Sie ist das Erste, was Händler und Auktionshäuser beschreiben. Doch was steht dort genau, und was folgt daraus? Dieser Beitrag zeigt, wo die Signatur sitzt, wie sie aufgebaut ist und welche Fragen sie offenlässt. Grundlage sind Auktionskataloge, ein Museumsdatensatz und klar gekennzeichnete Händlerangaben.

Eine alte Praxis

Namen in Teppichen sind keine moderne Erfindung. Die Inschrift des Ardabil-Teppichs nennt einen „Maqsud von Kaschan“ und das Jahr 946 der Hidschra (Wikipedia: Persian carpet). Für Ghom gibt es einen eigenen frühen Beleg. Das Victoria and Albert Museum verwahrt einen von zwölf Seidenteppichen aus dem Mausoleum Schah Abbas’ II. in Ghom. Einer dieser zwölf trägt laut Museum die Inschrift: Werk des Meisters Nimatullah Jawshaqani im Jahr 1082 H. (V&A, T.438-1976). Ob das Londoner Stück selbst diese Inschrift trägt, sagt der Datensatz nicht.

Britannica beschreibt dieselbe Gruppe als von einem Meister datiert und signiert (Britannica: Rug and carpet – Persia). Annette Ittig weist in Iranica auf eine zweite Spur hin. Teppichentwürfe stammen von spezialisierten Zeichnern (naqqash), deren Namen gelegentlich in Auftragsteppichen erscheinen (Iranica, Carpets iv). Eine Signatur kann also den Entwerfer, den Werkstattleiter oder den Auftrag meinen.

Eine Fachquelle zur Signaturpraxis im modernen Ghom fand sich nicht. Was folgt, beruht auf Katalogbeschreibungen und Händlerangaben.

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Wo die Signatur sitzt

Die Angaben aus Katalogen und Handel zeigen zwei bevorzugte Orte: ein Ende des Teppichs und die Bordüre.

QuellePosition laut BeschreibungWortlaut
Dorotheum, 23.03.2016Mitte der unteren äußeren Bordüre„Ghom Iran Amiri“
Dorotheum, 2025an zwei Seiten signiert„Ghom Sadegh Zadeh“
Dorotheum, 21.10.2020nicht angegeben„Ghom Daneshpoue“
Dorotheum, 11.10.2022nicht angegeben„Abol Fashli“
Chiswick, 24.03.2026Kartusche an einem Ende„Jamshidi“
Chiswick, 27.01.2026Kartusche an einem Endenicht wiedergegeben
carpetour.net, Firmenporträt Erami (Abbildungen)Kartuschen nahe dem Ende„ایران قم ارمی“ und „قم – ارمی“
rugs.net (Händlerangabe)Kartusche im Endfeld, in persischer und lateinischer Schrift„Master Hossein Kashizadeh“
rugs.net (Händlerangabe)untere Kartusche, flankiert von kleinen Kamel- und ElefantenfigurenWerkstattname „Gholbafan“
rugs.net (Händlerangabe)in der Bordüre„Darakhshan“

Quellen: Dorotheum 2016; Dorotheum 2025; Dorotheum 2020; Dorotheum 2022; Chiswick Lot 84; Chiswick Lot 76; carpetour.net; rugs.net Kashizadeh; rugs.net Gholbafan; rugs.net Darakhshan.

Die Quellen sind sich nicht einig

Über die übliche Position der Signatur machen Händler verschiedene Angaben. Bizsan nennt meist die obere Bordüre (bizsan.hu). Rugs.net und Rugman sprechen allgemein von der Bordüre bzw. einem kleinen Teil der Bordüre (rugs.net; rugman.com). Die Auktionskataloge zeigen eine Signatur in der Mitte der unteren Bordüre, Kartuschen an einem Ende und eine doppelte Signatur an zwei Seiten. „Oben“ und „unten“ hängen zudem davon ab, von welcher Seite man den Teppich betrachtet. Eine feste Regel lässt sich aus den Quellen nicht ableiten.

Wie eine Signatur aufgebaut ist

Ortsname und Werkstatt

Bizsan beschreibt das übliche Schema: zuerst der Stadtname „Ghom“, dann der Familien- oder Werkstattname (bizsan.hu, Händlerangabe). Die Dorotheum-Lose bestätigen das Muster mit „Ghom Daneshpoue“, „Ghom Sadegh Zadeh“ und „Ghom Iran Amiri“. Im letzten Fall steht zusätzlich der Landesname. Andere Signaturen nennen nur einen Namen, etwa „Jamshidi“ oder „Abol Fashli“.

Persisch geschrieben lautet der Stadtname قم, gesprochen Qom (Wikipedia: Qom). Wer die persische Schrift nicht liest, kann dieses kurze Wort als Ankerpunkt suchen. Es besteht aus nur zwei Buchstaben. Der Rest der Kartusche ist dann meist der Name.

Persische und lateinische Schrift

Laut rugs.net ist die Signatur meist in persischer Schrift eingeknüpft (rugs.net, Händlerangabe). Ein Angebot desselben Händlers beschreibt eine Kartusche in persischer und lateinischer Schrift. Zweisprachige Signaturen richten sich vermutlich an den Exportmarkt. Das ist eine Deutung, keine Quellenaussage.

Verschiedene Umschriften

Derselbe Name kann in lateinischer Umschrift sehr verschieden aussehen. Schon der Ortsname erscheint als Qom, Qum, Ghom oder Ghum (Wikipedia: Qom rug). Bei Werkstattnamen ist es ebenso:

PersischLateinische Formen
جمشیدیJamshidi, Djamshidi
میرمهدیMirmehdi, Mir Mehdi

Wie verstreut die Angaben zu einem Namen sein können, zeigt das Beispiel Erami. Beytoote nennt einen Haj Mahmoud Erami aus Kaschan (beytoote.com). Wikipedia nennt die Werkstatt Hossein Erami als Herstellerin des Staatsgeschenks von 2019 (Wikipedia: Qom rug). Ein Händler führt einen Meister „Erami“ (little-persia.com, Händlerangabe). Ein Firmenporträt auf dem Teppichportal Carpetour stellt den Zusammenhang her: Hossein ist ein Sohn von Haj Mahmoud, die Marke heißt „Hossein Erami“ (carpetour.net, Angabe der Firma). In der Kartusche steht der Name persisch: ارمی. Prüfen Sie bei jeder Signatur die persische Schreibweise in der Kartusche, nicht nur die Umschrift im Katalog.

Was eine Signatur aussagt

Eine Signatur ist zunächst eine Herkunftsangabe der Werkstatt. Sie sagt, wer den Teppich in Auftrag gab oder verantwortete. Sie sagt nicht, wer ihn geknüpft hat. Floor beschreibt für die Region Ghom in den 1960er-Jahren eine Produktion, die überwiegend von Frauen und Mädchen getragen und von der Stadtverwaltung mit Material und Entwürfen versorgt wurde (Iranica, Carpets xii). In dieser Organisation erscheint der Name der Knüpferin nicht.

Rugman weist zudem darauf hin, dass Signaturen auch auf sehr feinen Teppichen anderer Städte vorkommen (rugman.com, Händlerangabe). Ein Name allein beweist also keine Herkunft aus Ghom. Erst die Kombination mit dem Ortsnamen gibt einen Hinweis, und auch der ist nur so verlässlich wie die Werkstatt, die ihn einknüpft.

Eine Signatur kann zudem nachgeahmt werden. Die Firma Hossein Erami warnte im Juli 2024 öffentlich vor Teppichen, die andere Hersteller mit ihrem Namen versehen (carpetour.net, Firmenmitteilung). Sie rät, beim Verkäufer eine Herkunftsbescheinigung (shenasnameh) der Firma zu verlangen und deren Echtheit bei ihr zu prüfen.

Eine Signatur muss nicht aus Schrift bestehen. In einer Oral-History-Sitzung 2022 berichtete die Tochter des Meisters Mohammad Jamshidi von einer Überzeugung ihres Vaters: Ein handgeknüpfter Teppich solle irgendwo im Muster einen bewussten Fehler haben, gleichsam als Stil und Unterschrift (Hawzah News, Oral History). Ob und wo dieser Fehler auf Jamshidi-Teppichen zu finden ist, sagt die Quelle nicht.

Eine Signatur sagt auch nichts über das Alter. Keine der geprüften Ghom-Signaturen enthält ein Jahr. Die Datierungen in den Katalogen lauten schlicht „modern“ oder „contemporary production“ (Dorotheum 2022).

Signatur und Wert

Die Kataloge zeigen, dass die Signatur zu den Standardangaben gehört. Das Dorotheum nennt sie neben Größe, Material, Knotendichte und Zustand (Dorotheum 2016). Chiswick führt sie nach Fundament, Kanten und Fransen auf (Chiswick Lot 84).

Ein Werkstattname kann einen Katalogtext prägen. Nagel stellte 2019 einen Seidenghom der „Meistermanufaktur Jamshidi“ vor und nannte sie wohl die beste Werkstatt dieser Provenienz (Nagel via veryimportantlot). Ob dieser Teppich eine Signatur trug, sagt die Beschreibung nicht.

Eine bezifferbare Prämie für die Signatur fand sich in keiner Quelle. Die Ergebnisse unterscheiden sich vor allem nach Größe. Ein signierter „Jamshidi“-Teppich von ca. 147 × 98 cm erzielte bei Chiswick im März 2026 882 Pfund inklusive Aufgeld (Chiswick Lot 84). Der „Ghom Iran Amiri“ von ca. 400 × 297 cm brachte 2016 im Dorotheum 17.401 Euro inklusive Aufgeld und Steuer (Dorotheum 2016). Ohne Vergleichsstücke ohne Signatur lässt sich daraus kein Signaturaufschlag ableiten.

Eine Signatur prüfen: worauf Sie achten können

  • Ortsname suchen. Steht قم in der Kartusche? Ohne Ortsnamen ist die Zuordnung zu Ghom eine Händlerzuschreibung.
  • Position und Einbindung ansehen. Eine Signatur ist eingeknüpft, also Teil des Flors. Auf der Rückseite muss sie als Teil des Knotenbildes erscheinen.
  • Persische Schreibweise notieren. Nur sie erlaubt den Vergleich mit anderen Stücken; lateinische Umschriften schwanken.
  • Zwei Signaturen beachten. Manche Teppiche sind an zwei Stellen signiert, wie das Dorotheum-Los von 2025.
  • Herkunftsbescheinigung erfragen. Wo eine Werkstatt selbst Bescheinigungen ausstellt, wie die Firma Erami, ist sie ein zusätzlicher Prüfpunkt.
  • Den Namen nicht überbewerten. Biografien von Ghomer Werkstätten sind fast nirgends belegt. Das Register der Ghom-Werkstätten zeigt, was zu den einzelnen Namen geprüft werden konnte.

Wie Sie Imitate und Kopien erkennen, die Signaturen nachahmen könnten, behandelt der Beitrag Falsche Ghom-Seide erkennen.

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Quellen