Stand: November 2026 · Quellen verlinkt
Auf einen Blick
- Ghom hat nach westlichen Händlern und persischen Quellen kein eigenes, ortstypisches Muster. Es übernimmt Entwürfe aus Isfahan, Kaschan, Täbris und anderen Zentren.
- Eine Käuferbefragung zu mehr als 100 neuen Ghom-Teppichen (2017) ergab: Zuerst zählt die Farbe, dann Neuerung im traditionellen Entwurf, Feinheit, regelmäßige Knüpfung und Seidenglanz.
- Gol-farang, die „fremde Blume“, ist ein europäisch beeinflusstes Rosenmotiv. Eine Studie sieht seinen Höhepunkt in der Kadscharenzeit.
- Auktionskataloge belegen in Ghom Jagdszenen, Gartenmuster, Vogel-Baum-Motive und Kuppelmedaillons.
- Für das Feldermuster kheshti fand sich keine wissenschaftliche Quelle; es ist nur im Handel belegt.
Ghom-Teppiche (Qom, Qum, Kum; persisch قم) sind an ihrer Feinheit und ihrem Material leichter zu erkennen als an ihrem Muster. Das liegt daran, dass die Stadt keine eigene Musterschule entwickelt hat, sondern fremde Vorlagen sehr fein umsetzt. Dieser Beitrag stellt die wichtigsten Muster vor, erklärt ihre persischen Namen und zeigt, wo sie herkommen. Belegt wird jedes Muster durch Fachliteratur, Auktionskataloge oder, ausdrücklich gekennzeichnet, durch den Handel.
Ein Repertoire ohne eigenen Stil
Mehrere Händler sagen es offen: Ghom-Teppiche haben keine eigenen, unverwechselbaren Entwürfe, sondern übernehmen Muster der Nachbarregionen (persianrugs.com.au, Händlerangabe). Ein britischer Händler nennt Isfahan, Täbris und Kaschan als Vorbilder (Farnham Antique Carpets, Händlerangabe). Das iranische Portal Beytoote schreibt, Ghom habe kein einzelnes Kennmuster und unterscheide sich von Kaschan durch feine Abweichungen (beytoote.com).
Ein persisches Firmenporträt auf dem Teppichportal Carpetour sagt dasselbe. Weil ein gefestigter Stil fehle, wählten Ghomer Hersteller schöne Muster anderer Knüpfgebiete und knüpften sie mit kleinen Änderungen in Form, Größe, Komposition und Farbe nach (carpetour.net, Angabe der Firma). Die Einschätzung passt zur jungen Geschichte des Knüpfzentrums. Floor beschreibt für die 1960er-Jahre eine Produktion, für die die Stadtverwaltung die Entwürfe lieferte (Iranica, Carpets xii).
Entwürfe entstehen in Persien als Karton auf Millimeterpapier. Iranica beschreibt, dass jedes Kästchen einen Knoten darstellt und dass spezialisierte Zeichner, naqqash, diese Kartons anfertigen (Iranica, Carpets iv). Ein solcher Karton lässt sich in jeder Stadt knüpfen. Das erklärt, warum Muster leicht wandern. Mehr dazu im Beitrag über Karton, Musterprobe und Entwerfer.
Einzelne Werkstätten bauten dennoch eigene Musterbestände auf. Der Meister Mohammad Jamshidi berichtete 2022, ein Maler namens Mirza Mohammad Kashi habe seine Entwürfe exklusiv gezeichnet; die heutigen Jamshidi-Muster gingen auf diese Zeichnungen zurück (Hawzah News, Oral History). Der Vorsitzende des Provinzverbands, Sadeghi, sagte in derselben Sitzung, Jamshidi-Muster verwendeten feine Blüten (gol-riz) nach Vorbildern aus Persepolis.
Beispiele im Handel: Ghom-Seidenteppiche bei Teppichbazar (eigener Shop)
Die Muster im Einzelnen
Medaillon und Ecken: lachak-toranj
Das häufigste Grundschema ist ein Mittelmedaillon mit Viertelmedaillons in den Ecken. Iranica nennt das Medaillon (toranj) ein meist geschwungenes Ornament im Feldzentrum. In der lachak-toranj-Anlage trägt jede Ecke (lachak) ein Viertelmedaillon (Iranica, Carpets iv). Die englische Wikipedia nennt Medaillon und Lebensbaum als häufige Ghom-Motive, in Blau, Rot und Elfenbein (Wikipedia: Qom rug).
Ein dokumentiertes Beispiel ist das Staatsgeschenk an Japans Premierminister 2019. Laut Wikipedia zeigt es Medaillon, goldene Eckstücke und ein Rosenmuster. Auch ein Dorotheum-Los von 2023 beschreibt einen hellblauen Ghom mit Mittelmedaillon (Dorotheum).
Das Kuppelmedaillon
Eine besondere Form des Medaillons stammt aus der Architektur. Das Auktionshaus Nagel beschrieb 2019 einen Seidenghom der Werkstatt Jamshidi ausführlich (Nagel via veryimportantlot). Das Medaillon zeige den Blick hinauf in eine Kuppel, persisch gonbad. Das Feld scheine auf einem safawidischen Stalaktitengewölbe zu ruhen. Bogenausschnitte zeigten Arkaden und Kuppeln von außen. Die Hauptbordüre sei als Arkadengalerie gestaltet, mit persischen Löwen neben einer Krone.
Ein Händler beschreibt Ghom-Medaillons allgemein als Abbild von Moscheedecken (Farnham Antique Carpets, Händlerangabe). Für einen Safawiden-Teppich aus Ghom ist ein solcher Bezug wissenschaftlich untersucht: Eine Studie von 2023 sieht das Muster des großen Grabteppichs Schah Abbas’ II. von der Decke des Grabraums beeinflusst (Iranian Journal for the History of Islamic Civilization).
Schah-Abbasi-Palmetten
Das Muster shah-abbasi ist nach dem Safawidenherrscher Schah Abbas I. benannt. Iranica beschreibt es als Rapport aus verschiedenen Blüten, Wolkenbändern und Palmetten. Es ist mit safawidischen Teppichen verbunden und wird heute Werkstätten in Täbris, Kerman, Nain und Isfahan zugeschrieben (Iranica, Carpets iv). Ghom nennt Iranica in diesem Zusammenhang nicht. Rugman und Beytoote führen Schah Abbasi aber als gängiges Ghom-Muster, Beytoote sowohl als Medaillon- wie als Streumuster (afshan) (rugman.com, Händlerangabe; beytoote.com). Vertiefung im Beitrag Schah-Abbasi-Palmetten.
Eslimi
Eslimi bezeichnet die Arabeske. Iranica beschreibt sie als stilisierte Pflanzenranke mit gespaltenen Blättern (Iranica, Carpets iv). Rugman und Little Persia nennen eslimi als Ghom-Muster (rugman.com; Little Persia, beide Händlerangabe).
Jagdmuster: shekargah
Jagdteppiche zeigen Reiter, die zwischen Pflanzen Tiere verfolgen. Ihr berühmtestes Vorbild hängt in Wien. Der Jagdteppich des MAK misst 687 × 331 cm und wurde laut HALI vermutlich in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Kaschan geknüpft (HALI). Iranica nennt ihn als bekanntestes Stück einer Gruppe von rund zwanzig safawidischen Seidenteppichen aus Kaschan (Iranica, Carpets ix).
Moderne Ghom-Jagdteppiche sind in Katalogen belegt. Das Dorotheum versteigerte 2020 einen Seidenghom mit orientalischen Jagdszenen, ca. 395 × 290 cm (Dorotheum). Ein Händler nennt Jagdszenen eine Vorliebe Ghoms (Farnham Antique Carpets, Händlerangabe). Rugman beschreibt auch eine Kombination aus Vasen- und Jagdmuster, teils aus Kerman entlehnt (rugman.com, Händlerangabe).
Gol-farang: die „fremde Blume“
Gol-farang heißt wörtlich „fränkische“, also europäische Blume. Gemeint sind naturalistische Rosen, oft mit Vögeln. Eine Studie von Autoren der Universität Kaschan und der Hazrat-e-Masumeh-Universität in Ghom untersucht das Motiv (Jelve-y Honar, Alzahra University). Danach kam es in der Safawidenzeit mit westlichen Einflüssen in die iranische Kunst und erreichte in der Kadscharenzeit seinen Höhepunkt. Teppiche seien als letzte Kunstgattung erfasst worden. In Kaschan mischten die Entwürfe iranische und westliche Blumen. In der Pahlavi-Zeit sei gol-farang vielfältiger und naturalistischer geworden.
Iranica verwendet das Wort nicht. Ittig beschreibt aber, dass in der Kadscharenzeit westliche Bildthemen in Teppiche aufgenommen wurden (Iranica, Carpets iv). Für Ghom belegt ist gol-farang durch das Staatsgeschenk von 2019, das Wikipedia als Rosenmuster golfarang beschreibt. Beytoote nennt zudem eine Gebetsnische mit gol-farang. Mehr im Beitrag Gol-Farang und der europäische Einfluss.
Die Gebetsnische: mehrabi
Das Gebetsmuster zeigt eine Nische (mehrab). Iranica zählt sie zu den gerichteten Mustern, die von einer Seite aus betrachtet werden sollen (Iranica, Carpets iv). Rugman beschreibt das Ghom-mehrabi als Bogen mit Säulen (rugman.com, Händlerangabe). Bizsan nennt Gebetsteppiche ebenfalls (bizsan.hu, Händlerangabe).
Gerichtete Muster haben in Ghom eine lange Vorgeschichte, wenn auch nicht als Gebetsnische. Iranica erwähnt einen geformten Seidenteppich in Ghom mit gerichtetem Muster aus Zypressen und blühenden Pflanzen (Iranica, Carpets iv). Iranica verweist dafür auf dieselbe Tafel 1258B aus Popes „Survey of Persian Art“ wie für den Teppich im Mausoleum Schah Abbas’ II. (Iranica, Carpets ix). Das Victoria and Albert Museum beschreibt ein Stück dieser Gruppe mit asymmetrischen Pflanzen und Bäumen auf blassgrünem Grund (V&A, T.438-1976).
Kheshti: das Feldermuster
Kheshti teilt das Feld in gleich große Kassetten. Jede Kassette trägt ein eigenes Motiv, etwa eine Blume, eine Zypresse oder einen Baum. Ein Händler beschreibt einen Ghom-Seidenteppich dieser Art mit Reihen kleiner Felder auf karamellbraunem Grund und übersetzt kheshti mit „Fliese“ (Djoharian, Händlerangabe). Beytoote nennt das Muster als „Bakhtiari-Mosaik“ (beytoote.com).
Wissenschaftlich ist kheshti schlecht dokumentiert. Weder der Iranica-Artikel über Muster noch der über Stammesteppiche verwendet das Wort (Iranica, Carpets iv; Iranica, Carpets xiv). Die Herleitung aus der Bachtiari-Weberei ist daher eine Handelsangabe. Mehr im Beitrag Kheshti: das Feldermuster.
Garten, Baum und Vogel
Gartenmuster sind alt. Das Metropolitan Museum nennt Vasen- und Gartenteppiche unter den häufigen Typen des 17. Jahrhunderts (Met). Für Ghom belegen Auktionen beides. Chiswick verkaufte 2026 einen signierten Seiden-Qum mit Gartenmuster in Pastelltönen (Chiswick, Lot 76). Das Dorotheum bot 2025 einen Ghom mit einem Schwarm Vögel auf einem blühenden Baum an (Dorotheum).
Der Lebensbaum wird oft als Ghom-Motiv genannt (Wikipedia: Qom rug; rugman.com). Eine wissenschaftliche Quelle zu seiner Bedeutung im Ghom-Teppich fand sich nicht.
Bildteppiche
Rugman nennt Porträts und Bildszenen. Bakhtiyar spricht von Webern, die neben Blumen auch Bildszenen knüpfen (rugman.com; bakhtiyar.com, beide Händlerangabe). Britannica nennt Kaschan, Kerman und Täbris als Hauptquellen für Bild- und Gebetsteppiche (Britannica: Kashan carpet). Ghom erwähnt Britannica hier nicht.
Übersicht
| Muster | Persisch | Allgemeine Fachquelle | Beleg für Ghom |
|---|---|---|---|
| Medaillon und Ecken | lachak-toranj | Iranica iv | Wikipedia; Dorotheum 2023 |
| Kuppelmedaillon | gonbad | – | Nagel 2019 (Katalog) |
| Schah-Abbasi-Palmetten | shah-abbasi | Iranica iv | nur Handel |
| Arabeske | eslimi | Iranica iv | nur Handel |
| Jagd | shekargah | Iranica ix (Kaschan) | Dorotheum 2020 |
| Europäische Rose | gol-farang | Studie Alzahra-Universität | Wikipedia (Staatsgeschenk 2019) |
| Gebetsnische | mehrabi | Iranica iv | nur Handel |
| Feldermuster | kheshti | keine gefunden | nur Handel |
| Garten | – | Met-Essay | Chiswick 2026 |
| Vogel und Baum | – | – | Dorotheum 2025 |
Was Käufer am Muster schätzen
Eine Studie in der Zeitschrift Jelve-ye Honar von Seyed Mohammad Mahdi Mirzaamini und Mohammadreza Shahparvari untersuchte 2017 mehr als 100 neue Ghom-Teppiche (Ensani). Sie befragte auch Käufer. Am wichtigsten war ihnen die Farbe und die Farbverteilung. Danach folgten Neuerungen innerhalb traditioneller Entwürfe, Feinheit, regelmäßige Knüpfung und der Glanz der Seide.
Die Studie kommt zu einem bemerkenswerten Befund über die dichten, kleinteiligen Feldmotive. Sie zeigten trotz aller Vielfalt wenig formale Abwechslung. Ihre Aufgabe sei vor allem, die Fläche zu füllen und Farbvielfalt zu erzeugen. Insgesamt bleibe der Ghom-Teppich den Grundsätzen der traditionellen Kunst verpflichtet. In den letzten zwei Jahrzehnten habe er sich aber vom Gebrauchsgegenstand zum Luxusobjekt entwickelt.
Farben
Wikipedia nennt Blau, Rot und Elfenbein als typische Ghom-Farben (Wikipedia: Qom rug). Bizsan beschreibt eine klassische Palette mit Elfenbein, Rot, Marine, Türkis und Gelbtönen und einen neueren Trend zu Pastell (bizsan.hu, Händlerangabe). Ein Dorotheum-Los von 2016 war lachsrosa (Dorotheum), das Gartenmuster bei Chiswick pastellfarben. Eine einheitliche Ghom-Palette lässt sich aus den Quellen nicht ableiten.
Die Quellen sind sich nicht einig
Die Musterlisten des Handels überschneiden sich nur teilweise. Rugman nennt unter anderem den Kaschaner „Koranrahmen“, Vasen-Jagd-Kombinationen und Porträts (rugman.com). Bizsan nennt Boteh, Kassetten und Paradiesgärten (bizsan.hu). Little Persia ergänzt gol-o-bolbol, Rose und Nachtigall, und schreibt den Mustern Symbolbedeutungen zu, ohne Beleg (Little Persia). Beytoote führt zusätzlich Streifenmuster (mohramat), Inschriftbordüren und „geometrisches Joschaqani“ (beytoote.com). Diese Vielfalt bestätigt eher die These vom offenen Repertoire, als dass sie einen Kanon begründet. Symboldeutungen einzelner Motive sind in keiner geprüften Fachquelle für Ghom belegt.
Verwandte Themen
- Einen Perserteppich lesen: Feld, Medaillon, Ecken, Bordüren
- Schah-Abbasi-Palmetten
- Jagd- und Tierteppiche
- Gol-Farang und der europäische Einfluss
- Kheshti: das Feldermuster
- Gebetsteppiche (Mehrabi)
Quellen
- Carpets iv. Designs, motifs and patterns (Annette Ittig) – Encyclopaedia Iranica
- Carpets ix. Safavid Period (Daniel Walker) – Encyclopaedia Iranica
- Carpets xii. Pahlavi Period (Willem M. Floor) – Encyclopaedia Iranica
- Carpets xiv. Tribal Carpets (Siawosch Azadi) – Encyclopaedia Iranica
- Kashan carpet – Britannica
- Carpets from the Islamic World, 1600–1800 (Marika Sardar) – The Metropolitan Museum of Art
- Carpet, T.438-1976 – Victoria and Albert Museum
- MAK, Vienna reopens permanent carpet gallery – HALI
- The Effect of Westernization (Golfarang) on Kashan’s Architecture Decoration and Carpets – Jelve-y Honar, Alzahra University
- The Dodecagon Carpet of the Tomb of Shah Abbas II: A Structural Study – Iranian Journal for the History of Islamic Civilization
- Lot: Ghom silk, 23.03.2016 – Dorotheum
- Lot: Ghom silk, hunting scenes, 21.10.2020 – Dorotheum
- Lot: Ghom silk 11 x 11, 24.02.2023 – Dorotheum
- Lot: Ghom Silk Finest Quality, 2025 – Dorotheum
- Lot 76: Signed silk Qum carpet, 27.01.2026 – Chiswick Auctions
- Lot 587: Seidenghom, Meistermanufaktur Jamshidi, 27.02.2019 – Nagel Auktionen (via veryimportantlot)
- Mirzaamini, Shahparvari: Aesthetic analysis of Qom carpets (new Qom carpets) – Jelve-ye Honar 17, 1396/2017, via Ensani
- Oral History: die Rolle der Familie Jamshidi im Ghom-Teppich, 20.10.2022 – Hawzah News (Oral History, eigene Aussagen der Beteiligten)
- Qom rug – Wikipedia
- Haj Hossein Erami, Gründer der Marke Farsh-e Abrisham-e Hossein Erami, 21.07.2023 – carpetour.net (Branchenportal; Firmenporträt)
- Ashnaei ba farsh-e Qom – Beytoote (iranisches Publikumsportal, ohne Belege)
- Qum rugs – Rugman (Händlerangabe)
- Qom (Ghom) handmade silk rugs of Iran – Bizsan (Händlerangabe)
- Qom rug history and origin guide – Little Persia (Händlerangabe)
- Qum – persianrugs.com.au (Händlerangabe)
- Silk Qum carpet – Farnham Antique Carpets (Händlerangabe)
- Fine Qum Silk Rug, Kheshti – Djoharian (Händlerangabe)
- Qum Rugs: The Definitive Guide – Bakhtiyar (Händlerangabe)
