Stand: November 2026 · Quellen verlinkt
Auf einen Blick
- Encyclopaedia Iranica zählt Ghom zu den Orten, an denen Teppiche vollständig aus Seide entstehen: Kette, Schuss und Flor.
- Der Glanz hat eine physikalische Ursache: Die Seidenfaser hat einen annähernd dreieckigen Querschnitt, der Licht in viele Richtungen reflektiert.
- Seide ist in Ghom jünger als der Ruf: Ein Meister berichtet, um 1961 hätten dort alle Wolle geknüpft. 2007 galt ein 65-Raj-Teppich mit Seidenkette als Leitprodukt.
- Oral History beschreibt eine ältere Färbepraxis mit Dugh und Joghurt und ein Spülen der Seide in Qanat-Wasser.
- Woher die Seide heutiger Ghom-Teppiche stammt, belegt keine der geprüften Quellen.
Ein Ghom-Seidenteppich (Qom, Qum, Kum; persisch قم) besteht im Idealfall aus nur einem Material. Das unterscheidet ihn von fast allen anderen Perserteppichen, die Wolle auf Baumwolle knüpfen. Dieser Beitrag erklärt, was über diese Seide gesichert ist: ihre Herkunft im Iran, ihre Sortierung, ihren Aufbau im Teppich und den Grund für ihren Glanz. Wo nur der Handel spricht, steht das ausdrücklich dabei.
Ein Teppich ganz aus Seide
Die Encyclopaedia Iranica nennt drei Orte in Zentralpersien, an denen Teppiche vollständig aus Seide geknüpft werden: Kaschan, Nain und Ghom (Iranica, Carpets ii). Die englische Wikipedia formuliert vorsichtiger. Hochwertige Teppiche aus Kaschan, Ghom, Nain und Isfahan hätten einen reinen Seidenflor (Wikipedia: Persian carpet). Zum Fundament sagt dieser Satz nichts.
Der Unterschied ist wichtig. Ein Teppich kann Seidenflor auf Baumwolle haben oder Seidenflor auf Seide. Britannica beschreibt das für Kaschan: Geknüpft wird auf Seiden- oder Baumwollfundament, je nach Material des Flors (Britannica: Kashan carpet). Für Ghom fehlt eine solche Strukturbeschreibung in der Fachliteratur.
Die Auktionspraxis zeigt das übliche Bild bei modernen Stücken. Chiswick in London beschreibt zwei signierte Seiden-Qum von 2026 jeweils mit Seidenfundament und vollem Seidenflor (Chiswick, Lot 84; Chiswick, Lot 76). Das Dorotheum führt seine Ghom-Lose als „reine Seide“ (Dorotheum, 2020).
Beispiele im Handel: Ghom-Seidenteppiche bei Teppichbazar (eigener Shop)
Seide in Ghom: seit wann?
Der Ruf als Seidenstadt ist jünger, als man denkt. Mohammad Jamshidi, geboren 1947/48, begann mit 14 Jahren zu knüpfen. In einer Oral-History-Sitzung 2022 sagte er, damals hätten alle Wollteppiche geknüpft; Seide sei nicht üblich gewesen (Hawzah News). Nur ein Herr Rajabian habe schon gute Seidenteppiche gemacht. Jamshidi wechselte allmählich zur Seide. Seinen Grund nannte er selbst: Seide verderbe über die Jahre nicht und werde nicht wie Wolle von Motten befallen.
Ein Firmenporträt auf dem Teppichportal Carpetour datiert den Beginn der Seide früher, auf etwa die 1940er-Jahre (carpetour.net, Angabe der Firma). Zuerst seien wenige Farben und mittlere Dichten üblich gewesen, später über 60 und sogar über 100 Raj. Wie sich beide Angaben zueinander verhalten, behandelt der Beitrag Ghom-Teppiche: Geschichte und Herkunft.
Eine wirtschaftswissenschaftliche Studie in der Zeitschrift Goljaam zeigt den späteren Stand. Für 2006/07 nennt sie als Leitprodukt der Provinz Ghom für Herstellung und Export einen Teppich mit 65 Raj, Seidenkette und einem Flor aus Seide und Kork (Goljaam). Sein Index der Exportwettbewerbsfähigkeit lag bei 0,93. Die Studie wertet das als wettbewerbsfähig. Leitprodukt war damit kein reiner Seidenteppich, sondern eine Mischform. Mehr dazu im Beitrag Ghom aus Korkwolle auf Seidenkette.
Der Aufbau im Teppich
Ein Knüpfteppich hat drei Fadensysteme. Die Kette läuft längs und endet in den Fransen. Der Schuss läuft quer und hält die Knotenreihen. Der Flor besteht aus den geknüpften Fäden, die die Oberfläche bilden. Bei einem reinen Seidenteppich sind alle drei aus Seide.
| Bauteil | Funktion | Material beim reinen Seiden-Ghom | Beleg |
|---|---|---|---|
| Kette | trägt den Teppich, bildet die Fransen | Seide | Chiswick (Fundament „silk“) |
| Schuss | fixiert die Knotenreihen | Seide | Chiswick (Fundament „silk“) |
| Flor | bildet Muster und Oberfläche | Seide | Chiswick, Dorotheum |
| Knoten | verbindet Flor und Kette | in der Fachliteratur für Ghom nicht beschrieben | – |
Ein älteres Beispiel aus Ghom zeigt die gleiche Bauweise. Der Safawiden-Teppich aus dem Mausoleum Schah Abbas’ II. im Victoria and Albert Museum hat eine weiße Seidenkette und einen hellgelben Seidenschuss. Der Flor ist geknüpfte Seide (V&A, T.438-1976). Er ist auf 1082 H. (1671/72) datiert. Ein direkter Werkstattzusammenhang mit modernen Ghom-Teppichen ist damit nicht belegt.
Seide als Kette hat einen technischen Vorteil. Die Wikipedia zum Perserteppich nennt die höhere Zugfestigkeit von Seidenketten (Wikipedia: Persian carpet). Ein dünner, fester Kettfaden erlaubt mehr Ketten pro Zentimeter. Das ist die Voraussetzung für sehr hohe Knotendichten. Wie diese gemessen werden, erklärt der Beitrag zur Knotendichte bei Ghom-Teppichen.
Woher die Seide kommt
Die iranische Seidenraupenzucht
Der Iranica-Artikel über Seide nennt Gilan als wichtigste Zuchtregion. Gilan liefere rund 80 Prozent der iranischen Produktion, Mazandaran 12 bis 13 Prozent (Iranica, Silk ii). Der Rest stammt aus Aserbaidschan, Chorasan und einigen Oasen Zentralirans, darunter Kaschan, Natanz und Yazd. Der Artikel erschien 1983. Neuere Produktionszahlen fanden sich in keiner geprüften Quelle.
Die Geschichte dieser Seide hat einen tiefen Bruch. Die Raupenkrankheit Pebrine erreichte den Iran in den 1860er-Jahren. Gilan produzierte 1854 und 1864 rund 1.000 Tonnen, 1877 nur noch 99 Tonnen. Erst eingeführte japanische Eier ermöglichten ab 1890 eine Erholung. Für 1908 nennt die Quelle rund 500 Tonnen pro Jahr. Die alten iranischen Raupenrassen verschwanden dabei. Alle Zahlen: Iranica, Silk ii.
Für Ghom bedeutet das: Als dort im 20. Jahrhundert Seidenteppiche entstanden, war die iranische Seide bereits eine wiederaufgebaute Industrie auf Basis importierter Raupen. Ob Ghomer Werkstätten heute iranische oder importierte Seide verwenden, belegt keine der geprüften Quellen. Diese Frage bleibt hier offen.
Drei Güten
Jasleen Dhamija beschreibt in Iranica die Sortierung der Seide aus Gilan und Mazandaran. Sie wird in drei Güten gehaspelt (Iranica, Carpets ii):
| Güte | Persisch | Verwendung laut Iranica |
|---|---|---|
| feinste | dana | Knüpfflor |
| mittlere | hashti | Ketten sehr feiner Wollteppiche |
| gröbste | pudi | Schüsse von Seidenteppichen |
Diese Einteilung erklärt, warum ein Seidenteppich nicht aus „einer“ Seide besteht. Flor und Schuss können aus deutlich verschiedenen Qualitäten stammen.
Die Quellen sind sich nicht einig
Zwei Iranica-Artikel zeichnen ein unterschiedliches Bild. Der Teppichartikel nennt Ghom ausdrücklich als Ort reiner Seidenteppiche (Carpets ii). Der Seidenartikel von Bromberger und Bazin zählt die Seidenteppich-Zentren Arak, Isfahan, Kaschan, Kerman, Täbris und Yazd auf, aber nicht Ghom (Silk ii). Der Seidenartikel erschien 1983, der Teppichartikel 1990. Eine Erklärung könnte sein, dass Ghom damals noch als junges Zentrum galt. Das ist eine Vermutung.
Warum Seide glänzt
Der typische Schimmer eines Seidenteppichs hat eine physikalische Ursache. Die Faser der Maulbeerseidenraupe hat einen dreieckigen Querschnitt mit abgerundeten Ecken. Sie ist 5 bis 10 Mikrometer breit. Ihre flachen Seiten reflektieren das Licht in viele Richtungen (Wikipedia: Silk). Der Faden besteht zu 75 bis 80 Prozent aus dem Protein Fibroin, überzogen von 20 bis 25 Prozent Sericin, dem sogenannten Seidenleim.
Für Käufer ist dieser Glanz ein zentrales Merkmal. Eine Studie in der Zeitschrift Jelve-ye Honar analysierte 2017 mehr als 100 neue Ghom-Teppiche und befragte Käufer. Der Glanz der Seide zählte neben Farbe, Feinheit und regelmäßiger Knüpfung zu den wichtigsten Faktoren (Ensani).
Im Teppich wirkt dieser Effekt je nach Blickwinkel verschieden. Ein Händler beschreibt bei Ghom-Seide ein Leuchten, das sich mit dem Standort des Betrachters verändert (rugs.net, Händlerangabe). Eine Fachquelle, die diesen Effekt für Ghom-Teppiche eigens beschreibt, fand sich nicht.
Seide hat noch eine Eigenschaft, die man sehen kann. Sie erlaubt sehr feine Zeichnung. Britannica beschreibt Experten, die die Grabteppiche Schah Abbas’ II. für Samt hielten (Britannica: Rug and carpet – Persia). Die Wikipedia zum Perserteppich nennt Seidenflore außergewöhnlich fein, mit kurzem Flor und aufwendigem Muster (Wikipedia: Persian carpet).
Farbe auf Seide
Seide nimmt Farbe anders auf als Wolle. Eine wissenschaftliche Quelle zur Färbung von Ghom-Seide fand sich nicht. Es gibt aber eine Schilderung aus der Praxis. Jamshidi beschrieb 2022, dass manche Farben früher dughi waren (Hawzah News). Die Seide sei mit dugh, einem Joghurtgetränk, und mit Joghurt gefärbt worden. Danach habe man sie in Wasser aus einem qanat, einem unterirdischen Bewässerungskanal, gelegt. Je länger das Wasser darüber lief, desto kräftiger seien die Farben geworden. Nur Qanat-Wasser habe diese Wirkung gehabt. Das ist Erfahrungswissen, keine chemische Analyse. Der Ghom-Forscher Mohsen Mohseni nannte rang-e dughi in derselben Sitzung als Begriff, der in ein Wörterbuch des Ghom-Teppichs gehöre.
Die Händlerangaben zur Farbigkeit gehen weit auseinander. Rugman spricht von mehr als 40 Farben in einem Seidenteppich (rugman.com, Händlerangabe). Das iranische Portal Beytoote nennt vier bis sechs Farben als üblich und mehr als vierzig bei neueren Stücken (beytoote.com). Bizsan beschreibt eine klassische Palette aus Elfenbein, Rot, Marine und Türkis sowie einen neueren Trend zu Pastelltönen (bizsan.hu, Händlerangabe). Auktionshäuser bestätigen beides: Chiswick beschreibt 2026 einen Gartenteppich in sanften Pastelltönen (Chiswick, Lot 76).
Eine besondere Technik beschreibt das Auktionshaus Nagel. Bei einem Ghom der Werkstatt Jamshidi wurden zwei verschiedenfarbige Fäden in einem Knoten verarbeitet. So entstand ein melierter Grund, im Katalog „Salz und Pfeffer“ genannt (Nagel via veryimportantlot).
Die Schwächen der Seide
Seide ist fest, aber empfindlich. Sie gehört zu den stärksten Naturfasern, verliert nass aber bis zu 20 Prozent ihrer Festigkeit. Zu viel Sonnenlicht schwächt sie (Wikipedia: Silk). Sie nimmt rund 11 Prozent Feuchtigkeit auf.
Christie’s nennt die praktische Folge. Seide sei empfindlicher als Wolle, anfälliger für Abrieb und feuchtigkeitsempfindlich. Wird ein Seidenteppich nass und falsch getrocknet, werde das Fundament trocken und spröde, und es entstünden Risse (Christie’s Collecting Guide). Auch die Wikipedia nennt Seidenflore weniger belastbar. Sie würden deshalb oft als Wandbehang verwendet (Wikipedia: Persian carpet).
Für Sie als Besitzer folgt daraus: Ein Seiden-Ghom gehört nicht in den Durchgangsbereich und nicht in direktes Sonnenlicht. Nasse Reinigung gehört in die Hand von Fachleuten. Mehr dazu im Beitrag Seidenteppiche richtig pflegen.
Woran man echte Seide erkennt
Der Handel nennt einfache Prüfungen. Bei einem reinen Seiden-Ghom seien auch die Fransen aus Seide, weil sie die Enden der Kette sind (rugs.net, Händlerangabe). Ein Baumwollfundament schließt einen reinen Seidenteppich aus, nicht aber einen Seidenflor.
Sicherer sind Methoden der Textilkonservierung. Das Canadian Conservation Institute beschreibt Brennprobe und Mikroskopie. Seide schrumpft von der Flamme weg, erlischt von selbst und riecht nach verbranntem Haar. Zellulosefasern wie Baumwolle brennen weiter und riechen nach Papier (CCI Notes 13/18). Das Institut betont: Keine der beiden Proben ist allein beweisend. Ausführlich behandelt das der Beitrag Falsche Ghom-Seide erkennen.
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Quellen
- Carpets ii. Raw materials and dyes (Jasleen Dhamija) – Encyclopaedia Iranica
- Silk ii. Trade and production of silk and its use in crafts (Christian Bromberger, Marcel Bazin) – Encyclopaedia Iranica
- Rug and carpet: Persia – Britannica
- Kashan carpet – Britannica
- Carpet, T.438-1976 – Victoria and Albert Museum
- The Identification of Natural Fibres, CCI Notes 13/18 – Canadian Conservation Institute
- Middle Eastern rugs and carpets: collecting guide (Louise Broadhurst) – Christie’s
- Lot 84: Signed silk Qum rug, 24.03.2026 – Chiswick Auctions
- Lot 76: Signed silk Qum carpet, 27.01.2026 – Chiswick Auctions
- Lot: Ghom silk, hunting scenes, 21.10.2020 – Dorotheum
- Lot 587: Seidenghom, Meistermanufaktur Jamshidi, 27.02.2019 – Nagel Auktionen (via veryimportantlot)
- Silk – Wikipedia
- Najarzadeh, Rezagholizadeh, Hosseini: Trade liberalisation and Iran’s handwoven carpet industry, case study Qom province – Goljaam 3 (8), 1386/2007–08
- Mirzaamini, Shahparvari: Aesthetic analysis of Qom carpets (new Qom carpets) – Jelve-ye Honar 17, 1396/2017, via Ensani
- Oral History: die Rolle der Familie Jamshidi im Ghom-Teppich, 20.10.2022 – Hawzah News (Oral History, eigene Aussagen der Beteiligten)
- Haj Hossein Erami, Gründer der Marke Farsh-e Abrisham-e Hossein Erami, 21.07.2023 – carpetour.net (Branchenportal; Firmenporträt)
- Persian carpet – Wikipedia
- Ashnaei ba farsh-e Qom – Beytoote (iranisches Publikumsportal, ohne Belege)
- Qum Rugs: The Complete Guide – rugs.net (Händlerangabe)
- Qum rugs – Rugman (Händlerangabe)
- Qom (Ghom) handmade silk rugs of Iran – Bizsan (Händlerangabe)
