Ghom, Kaschan, Nain oder Isfahan? Seidenteppiche unterscheiden

Vier Städte, ähnliche Seidenteppiche: was Iranica, Britannica und Auktionskataloge über Material, Fundament, Geschichte und Muster sagen.

Polonaise Carpet

The Metropolitan Museum of Art, 17.120.143 · CC0

Stand: November 2026 · Quellen verlinkt

Auf einen Blick

  • Iranica nennt Kaschan, Nain und Ghom als Orte, an denen Teppiche ganz aus Seide entstehen. Wikipedia ergänzt Isfahan für Seidenflor.
  • Kaschan ist das älteste Seidenzentrum der vier: Britannica schreibt ihm drei Gruppen safawidischer Ganzseidenteppiche zu.
  • Isfahan und Nain sind im 20. Jahrhundert vor allem für feine Wollteppiche mit Seidenanteil bekannt. Iranica datiert Isfahans Neubeginn auf etwa 1921.
  • Ghom ist das jüngste Zentrum und das einzige, das der Handel fast ausschließlich mit reinem Seidenteppich verbindet.
  • Eine strukturelle Bestimmungsregel, die Ghom sicher von Kaschan unterscheidet, findet sich in keiner geprüften Fachquelle.

Kaschan, Ghom (Qom, Qum, Kum; persisch قم), Nain und Isfahan liegen alle in Zentraliran, und alle vier knüpfen sehr feine Teppiche. Im Handel werden sie oft in einem Atemzug genannt. Wer einen feinen Seidenteppich vor sich hat, fragt daher zu Recht, woher er stammt. Dieser Beitrag vergleicht, was die Fachliteratur über die vier Zentren sagt. Er zeigt auch ehrlich, wo eine sichere Unterscheidung nach heutigem Quellenstand nicht möglich ist.

Die vier Städte im Überblick

Iranica nennt drei Orte in Zentralpersien, an denen Teppiche vollständig aus Seide entstehen: Kaschan, Nain und Ghom (Iranica, Carpets ii). Die englische Wikipedia nennt hochwertige Teppiche aus Kaschan, Ghom, Nain und Isfahan mit reinem Seidenflor (Wikipedia: Persian carpet). Die deutsche Wikipedia nennt Kaschan, Ghom und Nain als Orte sehr fein geknüpfter Teppiche (Wikipedia: Perserteppich).

KaschanGhomIsfahanNain
Ältester Beleg für Teppiche16. Jh., safawidische SeidenteppicheTeppiche im Mausoleum Schah Abbas’ II., 1082 H. (1671/72); Webort offenEnde 16. Jh., Hofwerkstätten unter Schah Abbas I.in den geprüften Quellen 20. Jh.
Moderner Beginngroße Handelsproduktion „mit Beginn des 20. Jh.“20. Jh., genaues Datum unbelegtum 1921 (Iranica) bzw. zweites Viertel 20. Jh. (Britannica)Mitte 20. Jh. (Britannica)
Fundament laut FachquelleSeide oder Baumwolle, je nach Florkeine Fachangabe; Auktionen: SeideBaumwolle oder Seide, je nach Qualitätkeine Fachangabe
FlorWolle oder Seidevor allem Seide; daneben Wolle („Kork“, Händlerangabe)Wolle, laut Wikipedia „Korkwolle“; reiner Seidenflor bei hochwertigen StückenWolle (Wikipedia); reiner Seidenflor bei hochwertigen Stücken (Wikipedia)
Knotenasymmetrischasymmetrisch (Händlerangabe)asymmetrischasymmetrisch (Wikipedia)
Typische Farben laut QuelleRot bei den kleinen Safawiden-SeidenteppichenBlau, Rot, Elfenbein (Wikipedia)cremefarbener Grund, ziegelrote Bordürenicht belegt

Quellen der Tabelle: Britannica: Kashan carpet; V&A, T.438-1976; Britannica: Esfahan carpet; Iranica, Carpets xii; Wikipedia: Qom rug; Wikipedia: Nain rug; Wikipedia: Isfahan rug; shahmansouri.com (Händlerangabe, asymmetrischer Knoten in Ghom).

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Kaschan: das alte Seidenzentrum

Kaschan hat die tiefste Seidengeschichte. Britannica schreibt der Stadt drei Gruppen safawidischer Ganzseidenteppiche des 16. Jahrhunderts zu: drei große Medaillon- und Jagdteppiche, mehr als ein Dutzend kleine Seidenteppiche mit kräftigem Rot und seidene Wirkteppiche (Britannica: Kashan carpet). Der bekannteste ist der Jagdteppich im MAK Wien (Iranica, Carpets ix). Das Metropolitan Museum nennt rund zwanzig erhaltene Teppiche dieser Art, vier davon in New York (Met, 58.46).

Danach bricht die Überlieferung ab. Über Kaschaner Teppiche des 17. bis 19. Jahrhunderts ist laut Britannica nichts bekannt. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts entstand eine große Handelsproduktion in Wolle und Seide. Geknüpft wird asymmetrisch, auf Seiden- oder Baumwollfundament, je nach Material des Flors. Der meiste Farbstoff neuerer Teppiche sei synthetisch.

Kaschan ist zudem die einzige der vier Städte mit einer UNESCO-Eintragung. 2010 wurden die traditionellen Knüpffertigkeiten in Kaschan und Fars in die Listen des immateriellen Kulturerbes aufgenommen (Wikipedia: Persian carpet). Mehr dazu im Beitrag Kaschan-Teppiche.

Isfahan: Hofstadt mit spätem Neubeginn

Isfahan wurde unter Schah Abbas I. Ende des 16. Jahrhunderts Hauptstadt. Laut Britannica stammten viele der feinsten gold- und silberdurchwirkten Teppiche des späteren 17. Jahrhunderts von dort (Britannica: Rug and carpet – Persia).

Der moderne Neubeginn ist gut datiert. Floor schreibt in Iranica, Isfahan sei um 1300 Š./1921 ein großes Teppichzentrum geworden, als Nachzügler mit Blick auf europäische und amerikanische Märkte (Iranica, Carpets xii). Britannica nennt das zweite Viertel des 20. Jahrhunderts. Die modernen Isfahan-Teppiche seien kurz geschoren und dünn, meist auf cremefarbenem Grund mit harter ziegelroter Bordüre. Das Fundament sei Baumwolle oder Seide, je nach Qualität (Britannica: Esfahan carpet). Mehr im Beitrag Isfahan-Teppiche.

Nain: vom Mantelstoff zum Feinteppich

Nain ist mit Isfahan eng verbunden. Floor erwähnt, dass um 1921 die Herstellung von aba in Nain eingestellt war, traditionellen Umhängen, die eine wichtige Erwerbsquelle gewesen waren (Iranica, Carpets xii). Britannica schreibt, in Nain seien Mitte des 20. Jahrhunderts ähnliche Teppiche wie in Isfahan entstanden, in äußerst feiner Knüpfung (Britannica: Esfahan carpet). Die englische Wikipedia nennt einen Beginn kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, Wollflor und Schah-Abbasi-Muster, stützt sich aber nur auf ein Händlerbuch von 1962 (Wikipedia: Nain rug). Mehr im Beitrag Nain-Teppiche.

Ghom: das jüngste Zentrum

Ghom ist in der Fachliteratur das am schlechtesten dokumentierte der vier Zentren. Floor beschreibt eine wachsende Dorfproduktion: elf Knüpfdörfer 1948, rund 5.000 Beschäftigte 1966 (Iranica, Carpets xii). In den 1970er-Jahren nennt er Ghom gleichrangig mit Kerman, Täbris, Kaschan und Nain. Moderne Auktionslose beschreiben Ghom-Seidenteppiche mit Seidenfundament (Chiswick, Lot 84).

Ein Händler schreibt, die Technik Ghoms sei der Kaschaner ähnlich (persianrugs.com.au, Händlerangabe). Mehrere Händlertexte führen die Ghomer Knüpferei auf Zuwanderer aus Kaschan zurück. Eine Fachquelle für diese Herkunft fand sich nicht. Den Forschungsstand fasst der Beitrag Ghom-Teppiche: Geschichte und Herkunft zusammen.

Die Quellen sind sich nicht einig

Für Nain liegen drei Anfangsdaten vor. Floor beschreibt um 1921 das Ende der aba-Weberei, nennt aber keinen Beginn der Teppichknüpferei in Nain (Iranica, Carpets xii). Wikipedia nennt „kurz vor dem Zweiten Weltkrieg“ (Nain rug). Britannica spricht von der Mitte des 20. Jahrhunderts (Esfahan carpet). Auch für Isfahan weichen Iranica (um 1921) und Britannica (zweites Viertel des 20. Jahrhunderts) leicht ab. Bei Ghom fehlt ein belegtes Anfangsdatum ganz. Eine Reihenfolge „Kaschan vor Isfahan vor Nain vor Ghom“ lässt sich daher nur grob ziehen.

Was die Unterscheidung schwer macht

Gleiche Bauweise

Die Fachquellen beschreiben für Kaschan und Isfahan dieselbe Logik. Das Fundament richtet sich nach Material und Qualität des Flors (Britannica: Kashan carpet; Britannica: Esfahan carpet). Alle vier Zentren knüpfen asymmetrisch. Eine reine Seidenkette oder ein Seidenflor allein verraten den Herkunftsort also nicht.

Gleiche Muster

Auch die Muster überschneiden sich. Iranica ordnet das shah-abbasi-Muster Werkstätten in Täbris, Kerman, Nain und Isfahan zu (Iranica, Carpets iv). Händler nennen dasselbe Muster für Ghom (rugman.com, Händlerangabe). Ghom übernimmt nach eigener Handelsdarstellung die Entwürfe anderer Zentren (persianrugs.com.au, Händlerangabe). Details im Beitrag Ghom-Muster.

Ähnliche Dichte

Die Knotendichte trennt die Städte ebenfalls nicht sicher. Ein Händler schreibt, nur Isfahan und Nain erreichten eine ähnlich hohe mittlere Dichte wie Ghom (bakhtiyar.com, Händlerangabe). Für Isfahan nennt Wikipedia bis zu einer Million Knoten pro m² (Wikipedia: Isfahan rug), für Nain 250 bis 500 KPSI, also rund 390.000 bis 775.000 Knoten pro m² (Wikipedia: Nain rug). Europäische Auktionshäuser geben Ghom-Seide meist mit 800.000 bis 1,2 Millionen Knoten pro m² an (Dorotheum; Dorotheum). Die Bereiche überlappen. Zur Umrechnung siehe Knotendichte bei Ghom-Teppichen.

Brauchbare Anhaltspunkte

Trotz dieser Überschneidungen geben die Quellen einige Hinweise. Keiner ist für sich allein beweisend.

  • Material des Flors. Ein Teppich ganz aus Seide passt am ehesten zu Ghom, Kaschan oder Nain, die Iranica als Orte reiner Seidenteppiche nennt. Für Isfahan und Nain beschreiben die geprüften Quellen als Normalfall Wollflor (Wikipedia: Isfahan rug; Wikipedia: Nain rug).
  • Signatur mit Ortsnamen. Viele Ghomer Werkstätten knüpfen den Stadtnamen in die Signatur, etwa „Ghom Daneshpoue“ (Dorotheum). Dasselbe gilt laut Handel für Werkstätten anderer Städte (rugman.com, Händlerangabe). Siehe Signierte Ghom-Teppiche.
  • Farbklima. Britannica beschreibt Isfahan mit cremefarbenem Grund und ziegelroter Bordüre. Wikipedia nennt für Ghom Blau, Rot und Elfenbein. Das sind Tendenzen, keine Regeln.
  • Alter. Ein sicher vor 1900 datierter Seidenteppich ist nach heutigem Quellenstand kaum ein moderner Ghom. Händlerdatierungen wie „Ghom um 1900“ bleiben unbelegt.

Eine strukturelle Regel, die Ghom sicher von Kaschan trennt, nennt keine geprüfte Fachquelle. Christie’s beschreibt für eine einzelne Kaschaner Werkstatt, Mohtasham, Erkennungsmerkmale wie eine violette Seidenkante (Christie’s Collecting Guide). Vergleichbare Merkmale für Ghomer Werkstätten sind nicht veröffentlicht.

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Quellen