Falsche Ghom-Seide erkennen: Kopien, Kunstseide, Seidenimitate

Kunstseide, mercerisierte Baumwolle, Kopien als „Ghom“: welche Prüfungen Konservatoren beschreiben und warum keine einzelne Probe genügt.

The "Doria" Carpet

The Metropolitan Museum of Art, 50.190.5 · CC0

Stand: November 2026 · Quellen verlinkt

Auf einen Blick

  • Vier Arten von Täuschung sind zu unterscheiden: falsches Material (Kunstseide statt Seide), falscher Ort (Kopie als „Ghom“), falsche Angaben (Dichte, Alter, Signatur) und ein falscher Werkstattname.
  • Mercerisierte Baumwolle wird laut Wikipedia seit dem späten 19. Jahrhundert als Seidenersatz in Teppichen verwendet; die ersten Kunstseiden aus Zellulose („Kunstseide“, meist Viskose) entstanden in den 1890er-Jahren.
  • Das Canadian Conservation Institute beschreibt Brennprobe und Mikroskopie, betont aber: Keine Probe ist allein beweisend.
  • Seide riecht beim Verbrennen nach Haar und hinterlässt eine kleine dunkle Perle. Baumwolle und Viskose riechen nach Papier und hinterlassen helle Asche.
  • Indische Seidenteppiche aus Kaschmir tragen im Handel teils den Namen „Goum“. Die Ghomer Firma Erami warnt öffentlich vor Teppichen mit missbrauchtem Markennamen.

Ghom (Qom, Qum, Kum; persisch قم) steht im Handel für Seide und Feinheit. Genau das macht den Namen attraktiv für Nachahmungen. Dieser Beitrag beschreibt, welche Arten von Fälschung es gibt und welche Prüfungen Fachleute dafür nennen. Er stützt sich auf Veröffentlichungen aus der Textilkonservierung und auf Auktionskataloge. Händlerwarnungen sind als solche gekennzeichnet. Eine verbindliche Prüfung kann dieser Text nicht ersetzen.

Vier Arten der Täuschung

Falsches Material. Ein Teppich glänzt wie Seide, besteht aber aus einer anderen Faser. Infrage kommen vor allem Viskose und mercerisierte Baumwolle.

Falscher Ort. Ein Teppich ist aus echter Seide, wurde aber nicht in Ghom geknüpft. Rugman warnt vor chinesischer Ware, die als persische Ghom-Seidenteppiche verkauft werde (rugman.com, Händlerangabe). Eine unabhängige Quelle, die Umfang und Herkunft solcher Kopien beziffert, fand sich nicht.

Wie der Name wandert, zeigt ein Beispiel von der Online-Plattform Catawiki. Ein Los mit dem Titel „Cashmere Silk“, ca. 123 × 79 cm, wird im Text als „Kashmir Goum“ beschrieben (Catawiki, Angebotstext des Verkäufers). Als Herkunft nennt der Verkäufer offen Indien, Provinz Kaschmir, und als Material Seide auf Baumwolle. Die Beschreibung ist also ehrlich. „Goum“ bezeichnet hier einen Stil, nicht einen Ort. Wird der Teppich später nur noch als „Goum“ oder „Ghom“ weiterverkauft, geht diese Information verloren. Ein Baumwollfundament schließt zudem einen reinen Seiden-Ghom aus.

Falsche Angaben. Ein echter Ghom wird mit überhöhter Dichte, zu hohem Alter oder einer zugeschriebenen Werkstatt beschrieben. Diese Form ist am schwersten zu erkennen, weil das Objekt selbst echt ist.

Falscher Werkstattname. Ein Teppich trägt den Namen einer bekannten Werkstatt, stammt aber nicht von ihr. Die Ghomer Firma Hossein Erami warnte im Juli 2024, manche Anbieter versähen fremde Ware mit Namen und Marke bekannter Hersteller (carpetour.net, Firmenmitteilung). Sie rät, eine Herkunftsbescheinigung (shenasnameh) zu verlangen und diese bei der Firma prüfen zu lassen. Mehr zu den Namen im Register der Ghom-Werkstätten.

Video aus dem YouTube-Kanal von Hassan Farahani (Teppichbazar) Beim Abspielen wird das Video von YouTube (Google) geladen; dabei werden Daten an Google übertragen.

Kunstseide: was sich hinter dem Wort verbirgt

„Kunstseide“ oder englisch art silk bezeichnet jede Faser, die wie Seide aussieht, aber billiger herzustellen ist (Wikipedia: Art silk). Meist ist Viskose gemeint, eine aus Zellulose regenerierte Faser. Daneben nennt die Quelle mercerisierte Baumwolle, Polyester und Mischungen. Die ersten erfolgreichen Kunstseiden aus Zellulose entstanden in den 1890er-Jahren. 1924 wurde die Faser in den USA offiziell in „Rayon“ umbenannt. Dieselbe Quelle hält fest, dass Kunstseide unerfahrenen Käufern mitunter als echte Seide verkauft wird.

In Teppichen ist der Seidenersatz älter als die Viskose. Laut Wikipedia wird chemisch behandelte, mercerisierte Baumwolle seit dem späten 19. Jahrhundert in Teppichen als Seidenersatz verwendet (Wikipedia: Persian carpet). Die Wikipedia stützt sich dabei auf das Handbuch von Eiland und Eiland von 1998.

FaserHerkunftTypischer Grund für den Einsatz
MaulbeerseideProtein (Fibroin), RaupeOriginal
Viskose / Rayonregenerierte ZelluloseGlanz zu geringerem Preis
Mercerisierte Baumwollechemisch behandelte ZelluloseGlanz zu geringerem Preis
PolyestersynthetischGlanz zu geringerem Preis

Quellen: Wikipedia: Silk; Wikipedia: Art silk.

Prüfungen, die Konservatoren beschreiben

Die Brennprobe

Die Brennprobe trennt vor allem Proteinfasern von Zellulose. Das Canadian Conservation Institute beschreibt sie in seiner Reihe „CCI Notes“ (CCI Notes 13/18):

MerkmalSeideBaumwolle (Zellulose)Viskose / Rayon
Verhalten an der Flammeschrumpft weg, brennt langsam, erlischt von selbstentzündet sich sofort, glimmt nachbrennt sehr schnell, hell
Geruchwie verbranntes Haarwie verbranntes Papierwie verbranntes Papier
Rückstandkleine, dunkle, leicht zerbrechliche Perleflockige, weiße bis graue Ascheleichte, weiße Asche

Die Angaben zu Viskose stammen aus der Faserdatenbank CAMEO (CAMEO: Fiber burn test). Sie beschreibt für Rayon einen papierartigen Geruch und eine leichte weiße Asche.

Für die Probe genügt laut CCI ein Fadenstück von höchstens 0,4 cm. Es sollte von einem freiliegenden Fadenende an unauffälliger Stelle stammen. Wikipedia nennt als übliche Stelle die Fransen (Wikipedia: Art silk). Die Fransen sind aber die Kette. Sie sagen nichts über den Flor. Ein Teppich kann Seidenkette und Viskoseflor haben oder umgekehrt. Das CCI empfiehlt deshalb, Kette und Schuss getrennt zu prüfen. Für den Flor gilt dasselbe.

Die Grenzen der Brennprobe

Das CCI nennt klare Einschränkungen. Mischgewebe, auch mit Kunstfasern, verfälschen das Ergebnis. Abgebaute Fasern zeigen ihre Merkmale unter Umständen nicht mehr. Keine der beiden Proben ist allein beweisend; für eine sichere Bestimmung können Spezialverfahren nötig sein. Bei historischen Objekten verlangt das CCI zudem die Zustimmung der Verantwortlichen. Für Sie als Besitzer heißt das: Eine Brennprobe ist ein erster Hinweis, kein Gutachten.

Das Mikroskop

Sicherer ist der Blick durch das Mikroskop. Kultivierte Seide erscheint laut CCI als glatter, zylindrischer Stab mit gelegentlichen Verdickungen. Wolle zeigt eine raue Oberfläche aus Schuppen. Die Seidenfaser hat im Querschnitt eine dreieckige Form mit abgerundeten Ecken (Wikipedia: Silk). Für eine mikroskopische Bestimmung brauchen Sie eine Fachperson oder ein Labor.

Hinweise am Teppich selbst

Fundament und Fransen

Ein reiner Seiden-Ghom hat Seidenkette und Seidenschuss. Händler werten deshalb Seidenfransen als starken Hinweis (rugs.net, Händlerangabe). Umgekehrt schließt ein Baumwollfundament einen reinen Seiden-Ghom aus, nicht aber einen Teppich mit Seidenflor. Auch echte Seidenfransen beweisen nichts über den Flor.

Glanz

Seide hat einen wechselnden Glanz, der vom Blickwinkel abhängt. Ein Händler nennt dieses Leuchten ein Echtheitsmerkmal (rugs.net, Händlerangabe). Viskose und mercerisierte Baumwolle werden aber gerade wegen ihres Glanzes eingesetzt (Wikipedia: Art silk). Der Glanz allein ist daher kein Beweis.

Die Rückseite

Handgeknüpfte Teppiche zeigen auf der Rückseite das Knotenbild. Die deutsche Wikipedia empfiehlt, die Knoten auf der Rückseite zu zählen (Wikipedia: Perserteppich). Die englische Wikipedia nennt maschinell gewebte und getuftete Teppiche in „orientalischen“ Mustern als eigene Gruppe (Wikipedia: Persian carpet). Der Iran besitzt laut derselben Quelle mit Aran va Bidgol selbst ein großes Zentrum für Maschinenteppiche. „Iranisch“ bedeutet also nicht automatisch „handgeknüpft“. Mehr dazu im Beitrag Handgeknüpft oder maschinell?.

Signatur

Eine Signatur ist kein Echtheitszertifikat. Rugman weist darauf hin, dass Signaturen auch in feinen Teppichen anderer Städte vorkommen (rugman.com, Händlerangabe). Wie eine Ghom-Signatur aufgebaut ist und was sie aussagt, erklärt der Beitrag Signierte Ghom-Teppiche.

Zahlen, die nicht stimmen

Überhöhte Angaben sind eine stille Form der Täuschung. Zwei Prüfpunkte sind hilfreich.

Knotendichte. In den geprüften Katalogen von Dorotheum, Chiswick und Nagel liegt kein Ghom über etwa 1,2 Millionen Knoten pro m², rund 775 KPSI (Dorotheum; Nagel via veryimportantlot). Händler werben teils mit 1.000 KPSI und mehr. Ein Angebot nennt zugleich 1.000 KPSI und rund zwölf Knoten pro Zentimeter (rugs.net, Händlerangabe). Zwölf mal zwölf Knoten pro cm² ergeben aber rund 930 KPSI. Rechnen Sie Angaben deshalb selbst nach. Auch Raj-Angaben verdienen Prüfung: Eine Werkstatt nennt in einer Oral-History-Sitzung 100 bis 110 Raj, was nach gängiger Umrechnung weit über allen Katalogwerten läge (Hawzah News). Die Formeln stehen im Beitrag Knotendichte bei Ghom-Teppichen.

Alter. Für eine bedeutende Seidenknüpferei in Ghom vor dem 20. Jahrhundert gibt es keinen Beleg. Selbst Händler nennen meist die 1920er- oder 1930er-Jahre als Beginn (persianrugs.com.au, Händlerangabe). Derselbe Händler bietet aber einen „antiken Qum um 1900“ an, ohne Begründung für das Datum. Ein „antiker Ghom“ verdient deshalb besondere Skepsis. Hintergrund im Beitrag Ghom-Teppiche: Geschichte und Herkunft.

Die Quellen sind sich nicht einig

Über den Wert einfacher Prüfungen gehen die Meinungen auseinander. Händler präsentieren Seidenfransen und Glanz als starke Echtheitsmerkmale (rugs.net). Wikipedia nennt das Anbrennen einer Franse und das Auflösen von Florfasern als gängige Tests (Art silk). Das Canadian Conservation Institute warnt dagegen, dass weder Brennprobe noch Mikroskopie allein beweisend sind und Mischungen das Ergebnis verfälschen (CCI Notes 13/18). Die vorsichtigere Haltung der Konservierung ist hier die verlässlichere.

Was Auktionshäuser offenlegen

Seriöse Auktionskataloge nennen Material, Fundament und Zustand. Chiswick beschreibt etwa Seidenfundament, Originalkanten und gesicherte Originalfransen (Chiswick, Lot 84). Christie’s nennt chemische Wäsche, starkes Ausbleichen, Flecken und verkleinerte Maße als Mängel, die oft nicht rückgängig zu machen sind (Christie’s Collecting Guide).

Für Teppiche iranischer Herkunft weisen Auktionshäuser zudem auf Importbeschränkungen hin. Bonhams vermerkt bei einem Seiden-Qum das US-Embargo für Teppiche iranischen Ursprungs seit 6. August 2018 (Bonhams). Das Dorotheum nennt ein Einfuhrverbot für die USA und Kanada (Dorotheum). Die Herkunftsangabe hat damit auch rechtliche Folgen.

Kurzliste

  • Kette, Schuss und Flor getrennt betrachten; Fransen sagen nur etwas über die Kette.
  • Glanz ist kein Beweis, denn Ersatzfasern sollen genau ihn liefern.
  • Eine Brennprobe nur an einem winzigen, unauffälligen Fadenende und nur als ersten Hinweis.
  • Bei Wert oder Zweifel eine mikroskopische Faserbestimmung durch eine Fachperson.
  • Dichte und Alter nachrechnen und mit Katalogwerten vergleichen.
  • Eine schriftliche Beschreibung von Material, Fundament und Zustand verlangen.

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Quellen