Stand: November 2026 · Quellen verlinkt
Auf einen Blick
- Ghom liegt laut Britannica 147 km südlich von Teheran am Rand der Salzwüste Dascht-e Kawir und hatte 2016 rund 1,2 Millionen Einwohner.
- Der Aufstieg der Stadt beginnt mit dem Grab von Fatima, der Schwester des achten Imams, die hier 201 H. (816/17) starb.
- Die Safawiden bauten das Heiligtum aus und ließen sich dort bestatten. Das Mausoleum Schah Abbas’ II. war mit Seidenteppichen ausgestattet.
- Der Iranica-Artikel über die Stadt nennt für das 9. und 10. Jahrhundert Textilhandwerk, aber weder Seide noch Teppiche.
- Warum gerade die Pilgerstadt im 20. Jahrhundert zum Zentrum der Seidenteppiche wurde, erklärt keine geprüfte Quelle.
Ghom (Qom, Qum, Kum; persisch قم) ist zuerst eine heilige Stadt und erst danach ein Teppichort. Ihr Heiligtum zieht Pilger an, und ihre Hochschulen prägen die Religionsgelehrsamkeit des Landes. Im Teppichhandel steht ihr Name dagegen für feine Seide. Dieser Beitrag erzählt die Geschichte der Stadt anhand belegter Quellen. Er fragt auch, wie die beiden Seiten Ghoms zusammenhängen, und zeigt, wo die Quellen darauf keine Antwort geben.
Lage und Gestalt
Ghom ist Hauptstadt der gleichnamigen Provinz in Nordzentraliran. Die Stadt liegt an beiden Ufern des Flusses Rud-e Ghom und grenzt an die Salzwüste Dascht-e Kawir (Britannica: Qom). Sie liegt an der Transiranischen Eisenbahn und hat Straßenverbindungen nach Teheran, Arak, Kaschan, Saveh und Yazd. 2016 zählte sie 1.201.158 Einwohner.
Persisch schreibt sich der Name قم, gesprochen Qom (Wikipedia: Qom). Im deutschen Teppichhandel hat sich die Schreibung „Ghom“ durchgesetzt, im englischen „Qum“ oder „Qom“.
Die Quellen sind sich nicht einig
Schon die Entfernung nach Teheran wird verschieden angegeben. Britannica nennt 147 km (Qom). Die englische Wikipedia nennt im selben Artikel 140, 125 und 156 km (Qom). Der Wikipedia-Artikel über Ghom-Teppiche und ein Händler nennen rund 100 km (Qom rug; bakhtiyar.com). Die Unterschiede ergeben sich vermutlich aus Luftlinie, Straßenkilometern und verschiedenen Bezugspunkten. Die Britannica-Angabe ist die einzige mit eindeutiger Herkunft.
Beispiele im Handel: Ghom-Seidenteppiche bei Teppichbazar (eigener Shop)
Von der Siedlung zur Stadt
Der Iranica-Artikel über Ghom stammt von Andreas Drechsler. Er führt die Ortsgeschichte bis in die Antike zurück (Iranica: Qom). In sasanidischer Zeit sei Ghom eine kleine Verwaltungseinheit mit Dörfern und Kleinstädten gewesen. Die ersten dauerhaften arabischen Siedler kamen während der Aufstände von 685 bis 696. Später zogen Aschʿariten aus Kufa zu, eine arabische Gruppe, die für die Stadt prägend wurde. Harun al-Raschid trennte Ghom 189 H. (804/05) verwaltungsmäßig von Isfahan. Ab Beginn des 9. Jahrhunderts erfüllte Ghom laut Drechsler die Kriterien einer Stadt.
Die Wirtschaft dieser Zeit beruhte auf Landwirtschaft und Bewässerung. Drechsler nennt für das 10. Jahrhundert 51 Mühlen und höchstens 50.000 Einwohner. Handwerk ist belegt: Stühle, Textilien und Sattelzeug. Seide und Teppiche nennt der Artikel nicht.
Für das späte 15. Jahrhundert stützt sich Drechsler auf den Reisebericht von Giosafat Barbaro, der von 20.000 Häusern sprach. Daraus ergäben sich rund 100.000 Einwohner, sofern Barbaros Zahl stimmt.
Das Grab der Fatima
Den Rang der Stadt begründet ein Grab. Fatima, die Schwester des achten Imams ʿAli al-Riza, starb laut Iranica 201 H. (816/17) in Ghom, auf dem Weg zu ihrem Bruder nach Chorasan (Iranica: Qom). Ab 256 H. (869/70) entstand über ihrem Grab ein Bau, aus dem das Heiligtum hervorging. Britannica nennt als Todesjahr 816 (Britannica: Qom).
Unter den Safawiden wurde das Heiligtum großzügig ausgebaut. Laut Wikipedia leitete Tadschlu Chanum, eine Frau Schah Ismaʿils I., 1519 einen Umbau mit Iwan, zwei Minaretten und einer achteckigen Grabkammer (Wikipedia: Fatima Masumeh Shrine). Der Kadscharenherrscher Fath-Ali Schah ließ 1803 die goldene Kuppel instand setzen. Britannica schreibt den goldbekrönten Bau allgemein den Safawiden zu. Jedes Jahr pilgern laut Wikipedia Millionen schiitische Muslime nach Ghom.
Königsgräber und Seidenteppiche
Ghom wurde auch zur Grabstätte von Herrschern. Britannica spricht von etwa zehn Königen und 400 Heiligen, die in und um Ghom bestattet sind (Britannica: Qom). Laut Wikipedia liegen sechs Mitglieder der Safawidendynastie im Heiligtum (Wikipedia: Fatima Masumeh Shrine).
Für die Teppichgeschichte zählt vor allem ein Grab. Schah Abbas II. starb 1666 und wurde in einem eigenen Mausoleum beigesetzt. Das Victoria and Albert Museum beschreibt dessen Ausstattung (V&A, T.438-1976). Zwölf fast identische kleine Seidenteppiche säumten die Wände des zwölfeckigen Raumes. Ein Teppich mit Metallfäden lag über dem Grab, ein großer zwölfeckiger Teppich in der Mitte. Einer der Wandteppiche trägt laut Museum die Inschrift des Meisters Nimatullah Jawshaqani und das Jahr 1082 H. (1671/72).
| Objekt | Datierung | Verbleib laut Quelle |
|---|---|---|
| Seidener Wandteppich, ca. 133 × 69 cm, Seide auf Seide | 1671–1672 | V&A London, T.438-1976 |
| Großer zwölfeckiger Mittelteppich, Seide | 1671 | Museum des Hazrat-Masumeh-Schreins, Ghom, Nr. 1400 |
| Teppich mit Metallfäden über dem Grab | nicht angegeben | nicht angegeben |
Quellen: V&A; Iranian Journal for the History of Islamic Civilization.
Britannica nennt diese Teppiche die letzten wirklich feinen Leistungen persischer Knüpfkunst (Britannica: Rug and carpet – Persia). Eine Studie von 2023 bezeichnet den Mittelteppich als größten safawidischen Seidenteppich. Sie sieht sein Muster von der Deckengestaltung des Grabraums beeinflusst (Iranian Journal for the History of Islamic Civilization). Ob die Teppiche in Ghom geknüpft wurden, ist nicht belegt. Mehr dazu im Beitrag Ghom-Teppiche: Geschichte und Herkunft.
Die Stadt der Gelehrten
Im 20. Jahrhundert wurde Ghom zum wichtigsten Zentrum schiitischer Gelehrsamkeit im Iran. Laut Wikipedia ist die moderne Hochschule, die hawza, kaum ein Jahrhundert alt (Wikipedia: Qom). Sie wurde von Abdul-Karim Haeri Yazdi und später von Großajatollah Borudscherdi neu belebt. Britannica nennt die größte Medrese des Landes, an der islamisches Recht, Philosophie, Theologie und Logik gelehrt werden. Nach der Revolution von 1979 machte Ajatollah Chomeini Ghom zu seinem Sitz (Britannica: Qom).
Die Teppichknüpferei der Region wuchs in denselben Jahrzehnten. Ein Zusammenhang zwischen beiden Entwicklungen ist in keiner geprüften Quelle beschrieben.
Die Wirtschaft heute
Britannica beschreibt Ghom als Industriestadt mit Textil-, Petrochemie-, Zement- und Ziegelindustrie (Britannica: Qom). Die Stadt ist ein regionaler Knoten für die Verteilung von Erdöl. 1956 wurden bei Saradscheh Ölfelder entdeckt. Im Umland wachsen Weizen, Gerste, Ölsaaten, Gemüse, Obst und Baumwolle. Die englische Wikipedia betont die Abhängigkeit vom Pilgerverkehr (Wikipedia: Qom).
Teppiche erwähnt keiner der beiden Stadtartikel. Die einzige wissenschaftliche Beschreibung der Ghomer Teppichwirtschaft steht in einem anderen Iranica-Artikel.
Wie die Pilgerstadt zur Teppichstadt wurde
Willem Floor beschreibt in Iranica die Knüpferei im Raum Ghom nach der Feldforschung des Geographen Marcel Bazin (Iranica, Carpets xii). 1948 knüpften nur elf Dörfer um Ghom Teppiche. 1966 waren 3.671 von 10.036 Haushalten beteiligt, rund 5.000 Menschen, überwiegend Frauen und Mädchen. Die Stadtverwaltung organisierte das Gewerbe und lieferte Material und Entwürfe. 1969 brachte der Teppich 20 bis 40 Prozent des Familieneinkommens.
Diese Organisation ist bemerkenswert. Nicht private Händler, sondern die Gemeinde lieferte laut Floor die Entwürfe. Das könnte erklären, warum Ghom kein eigenes Dorfmuster entwickelt hat, sondern Vorlagen anderer Zentren knüpft. Diese Verbindung ist eine Deutung, keine Aussage der Quelle. Mehr zu den Mustern im Beitrag Ghom-Muster.
Für die städtischen Seidenwerkstätten nennen Handel und persische Quellen eine Zuwanderung aus Kaschan. Das iranische Portal Beytoote spricht von Webern aus Kaschan und Isfahan, die Muster, Webstühle und Exportkontakte mitbrachten (beytoote.com). In einer Oral-History-Sitzung 2022 sagte der Meister Mohammad Jamshidi, sein Vater stamme aus Kaschan (Hawzah News). Der Verbandsvorsitzende Sadeghi sprach dort von mehr als einem Jahrhundert Ghomer Teppich- und Seidenarbeit. Die Straßenverbindung nach Kaschan ist belegt (Britannica: Qom). Die Zuwanderung ist damit gut überliefert, aber nicht wissenschaftlich dokumentiert. Mehr im Beitrag Ghom-Teppiche: Geschichte und Herkunft.
Auch die Seide hat keine belegte Ghomer Wurzel. Der Iranica-Artikel über Seide nennt Gilan und Mazandaran als Hauptzuchtgebiete und einige Oasen Zentralirans wie Kaschan, Natanz und Yazd (Iranica, Silk ii). Ghom gehört nicht dazu. Der Rohstoff kam also vermutlich von außen. Das folgt aus dem Schweigen der Quelle, nicht aus einer ausdrücklichen Aussage.
Die Quellen sind sich nicht einig
Die drei Iranica-Artikel zu Stadt, Seide und Teppich zeichnen kein gemeinsames Bild. Der Stadtartikel nennt keine Teppiche (Iranica: Qom). Der Seidenartikel nennt Ghom nicht unter den Seidenteppich-Zentren (Silk ii). Der Rohstoffartikel nennt Ghom dagegen ausdrücklich als Ort reiner Seidenteppiche (Carpets ii). Die Artikel entstanden zwischen 1983 und 2009 und behandeln verschiedene Zeiträume. Der Widerspruch zeigt vor allem, wie jung und wenig erforscht die Ghomer Seidenknüpferei ist.
Ghom besuchen
Das Heiligtum ist ein aktiver religiöser Ort. Laut Wikipedia ist es an jedem Tag des Jahres stark besucht (Wikipedia: Fatima Masumeh Shrine). Der große Grabteppich Schah Abbas’ II. befindet sich laut der Studie von 2023 im Museum des Schreins (Iranian Journal for the History of Islamic Civilization). Öffnungszeiten und Zugangsregeln für ausländische Besucher waren in keiner geprüften Quelle angegeben. Bitte informieren Sie sich vor einer Reise bei offiziellen Stellen.
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Quellen
- Qom (Andreas Drechsler) – Encyclopaedia Iranica
- Carpets ii. Raw materials and dyes (Jasleen Dhamija) – Encyclopaedia Iranica
- Carpets xii. Pahlavi Period (Willem M. Floor) – Encyclopaedia Iranica
- Silk ii. Trade and production of silk and its use in crafts (Christian Bromberger, Marcel Bazin) – Encyclopaedia Iranica
- Qom – Britannica
- Rug and carpet: Persia – Britannica
- Carpet, T.438-1976 – Victoria and Albert Museum
- The Dodecagon Carpet of the Tomb of Shah Abbas II: A Structural Study – Iranian Journal for the History of Islamic Civilization
- Qom – Wikipedia
- Fatima Masumeh Shrine – Wikipedia
- Qom rug – Wikipedia
- Oral History: die Rolle der Familie Jamshidi im Ghom-Teppich, 20.10.2022 – Hawzah News (Oral History, eigene Aussagen der Beteiligten)
- Ashnaei ba farsh-e Qom – Beytoote (iranisches Publikumsportal, ohne Belege)
- Qum Rugs: The Definitive Guide – Bakhtiyar (Händlerangabe)
![[Mosque of Koum] (Luigi Pesce, albumen silver print)](https://ghomrug.com/wp-content/uploads/2026/11/cover-027-1977-683-50.jpg)